•f 4»7
>^ .^
iS' H *i H
. n >«, I^ W«^ ^
u. >)l
n *
't ♦f
1^*
.•■:#^'
j.y /*», •«■■* '-.*.»^.
iü ?^
^.: **
.<* >•■
^\'*..*^
:% :.
i^ %' fk "% " '
'^^v-^
i^.^
o 1^
:fö"e
■<£■ ■'■'!♦• 'jii^ . •
\
^ CENT^^
^
o^rc
AS
Zeitschrift
des
Deiitsclieii Palästina-Vereins
Herausgegeben
von dem geschäftsführenden Ausschuß
unter der verantwortlichen Redaktion
von
Prof. Lic. Dr. C. Steuernagel.
ZI- 30
9'
Band XXIX.
Mit 4 Tafeln und 18 Abbildungen.
-♦*♦•-•-
's: •
Leipzig 1906
in Kommission bei K. Baedeker
Inhalt
des ueummdzwauzigstcu Bandes der Zeitscliiift des Deutschen Palästina -Vereins.
Aulsätze.
Seite Die Jerusalemfahrt des Kauoiiikus Ulrich Brunuer vom Hangstift iu
Würzbiirg (1470j. Herausgegeben von f Beinhold Eöhrielit ... 1
Studien aus dem Deutschen evang. archäolog. Institut zu Jerusalem.
7. Chirbet el-jehüd (bettir]. Von Past. prim, E. Zickermann 51
8. Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux (333). Von
' Pfarrer R. Eclmrdt 72
9. Neuaufgefundene Gewichte. Von Prof. ]). Dalman . . 92
10. Das phönizische Grab und der Messiasthron bei Merön.
Von Prof. D. Dalman 195
11. Das Löwenbild an der Felsenburg des wädi el hamäm. Von Prof. D. Dalman 199
12. Das Stierbild und andere Skulpturen von er-rummän. Von Prof. D. Dalman 201
Untersuchungen zur älteren Palästinaliteratur. Von Dr. Peter Thomsen.
1. Ptolemäus 101
2. Die notitia dignitatum 120
3. S. Isicius 128
4. Das Ouomasticon des Eusebius 130
Bemerkungen ziir Topographie Palästinas. Von Lic. Dr. O. Uölscher.
1. Die Feldzüge des Makkabäers Judas (1. Makk. 5.) . . . 133 Die Ortslage von Bethanien. Von Divisionspfarrer Dr. Friedr. Fenner 151 Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux. Von Pfarrer Dr. Carl Mommert 177
Kürzere Bemerkungen.
Der Teich Betsaida beim Pilger von Bordeaux. Von Prof. Dr. Eberh. Nestle 193 Berichtigung zu ZDPV 1905 S. 169. Von Prof. D. Dalman .... 94 Berichtigung zu ZDPV 1906 S. 94. Von C. Steuernagel (nach Mit- teilung von Stanley Ä. Cook) 203
;V Inhalt.
Biicherbesprechiiiigeii. ^^.^^
BamaU Mristermann, La patrie de St. Jeau Baptiste (C. Mommeri) . 214
Dard, A., Chcz les euuemis d'Isracl (B. Brüimow) 218
Fit:ttei\ i?.. Beiträge zur Klimakunde des üsraauischeu Reiches und
seiner Xachbarf?ebiete. I. Meteorologische Beobachtungen in
Kleiuasien 1902 (M. Blanckenhorn) 100
Kuemmel, A.. Karte der Materialien zur Topograpliie des alten Jerusalem
(E. Kaidxsch) 216
Mommert, C, Die Dormitio und das deutsche Grundstück auf dem
traditionellen Zion (F. Mühlau) 213
Golgotha \ind das hl. Grab zu Jerusalem (F. Miihlau) 210
Die Heilige Grabeskirche zu Jerusalem in ihrem ursprünglichen
Zustande (F. Mühlau) -'5
Das Prätorium des Pilatus (F. Mühlaii) 208
Topographie des alten Jerusalem. I. Zion und Akra, die Hügel
der Altstadt (F. Mühlau) 204
1. Das salomonische Tempel- und Palastquartier auf Moriali
(F. Mühlau) 206
Sargenton - Galichon , "A. . A travers le Hauran et chez Ics Druses
(R. Brünnoic) 218
Sellin. F., Teil Taannek (H. Stumme) 219
Nachlese auf dem Teil Ta aunek (H. Stumme) 219
Verzeiohuis der Tafeln. gu seite
I. Chirbet el-jehüd 51 ff.
II. Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux 72 ff.
III. Palästina nach den Angaben des Ptolemaeus und der Xotitia
diguitatum , ■ • _; ■'^9^
IV. Skizze der näheren Umgebung von el'ezarije 151 ff.
Verzeichnis der Abbildungen.
1. Chirbet el-jehüd von ed-dschurnn aus gesehen . ^ 57
2. Kolumbarium a\if der Ostseite von chirbet el-jehüd ...... 61
3. Alte Steiulageu am Westrand des Plateaus von chirbet el-jchud . 68
4. Ein Halbsekel aus der Gegend von schafät 94
5. El-'ezarije von NO. gesehen 156
6. Skizze des Lazarusgi'abes nach Pierotti 161
7. Turmruine in cl-'czarije 16"
8. Das phünizisclie Grab bei merön, Ansicht von SO 196
9. Grundriß des Unterbaus 197
10. Grundriß des Oberbaus 197
11. Durchschnitt 197
12. Der Messiasthron bei müruu 198
13. Die Felsenburg im wädi el-l.iamäm 199
14. Löwenbild im wädi el-hamäm 200
15. Stierbild aus er-rummän 201
16. Skulptur aus er-ruramän 203
Die Jerusalomfahrt des Kanonikus Ulricli Brunner vom Haugstift in Würzburg (1470).
Herausgegeben von f Reinhold Röhricht i).
Unser Text war bisher nur in den Auszügen bekannt, die HicRSCUEL^) gegeben hatte, aber eine vollständige Ausgabe schien wünschenswert, um die Beziehungen klarer zu erkennen, in denen Ulrich Brunner zu Hans von Mergentiial steht, auf die Herschel bereits hingewiesen hatte, und um vielleicht zwei andere jetzt erst ganz oder genauer bekannt gewordene gleich- zeitige Pilgerberichte (1470) zu ergänzen; daß dies bei dem ersteren von ihnen der Fall ist, werden wir unten sehen, hin- gegen steht der letztere ohne solche Beziehungen — er ist der umfangreichste — für sich da. Leider mußte der Verfasser in- folge dauernder Unpäßlichkei sich um fremde Hilfe bemühen, aber diese ward ihm wie die leihweise Überlassung der Hand- schrift seitens der Dresdener Öffentlichen Bibliothek nach Berlin bereitwilligst gewährt; Herr Cand. bist. Schultze übernahm die sorgfältige Kopierung und Herr Prof. Dr. Tangl ihre Kontrolle an besonders schwierigen Stellen, weshalb ihnen wie anderen
') Die hier zum Abdruck kommende Arbeit ist -wohl das Letzte, was wir von der Hand eines der unermüdlichsten und treuesten Mitarbeiter an unserer Zeitschrift veröffentlichen können. Reinhold Röhricht, dem wir so reiche Beitrüge auf dem Gebiet der Pilgerschriften und der Kartographie Palästinas verdanken, starb nach langer Krankheit am 1. Mai 1905. Die Jcrusalemfahrt des Kanonikus ULRICH Brunner beschäftigte ihn noch in den letzten Wochen vor seinem Tode. Die Veröffentlichung in unserer Zeit- schrift entspricht seinem Wunsche. Im übrigen vergl. den Nachruf in den M u N 1905 S. 61 ff. [Die Redaktion.]
2) Serapeum 1853, S. 189 — 192; vergl. Röhricht, Deutsche Pilger- reisen, Innsbruck 1900 (Neue Ausgabe, unten mit R bezeichnet), S. 141. Ein trefflicher Führer durch die Pilgertexte ist die Schrift Conradys, Vier rhei- nische Palaestina-Pilgerschritten, Wiesbaden 1882.
Zeitschr. d. PaL-Ver. XXIX. 1
2 Reinhold Röhricht,
Freunden für kleinere Dienste der wärmste Dank hierdurch aus- gesprochen werden muß.
Über die Person unsers Reisenden wissen wir recht wenig; er wird zweimal in den Matrikeln der Universität Erfurt i) und als sein Todestag (das Jahr fehlt) in dem Liber rcgulac eccle- siac Jlauff'j der lü. Juni genannt; von seinen Begleitern hieß der Kanzler des Bisehofs Rudolf Fkibdkicti Sciiultukiss; Ehekhard von Gkumbach war Domherr von Würzburg 3). Als Grund seiner Reise gibt er selbst an »jjro mdulgentns'i\ er ver- •rißt daher auch nicht zu bemerken, wie oft und wo er unterwegs Messe gelesen hat. Am 8. März 1470 verläßt er Würzburg wahrscheinlich an der Hand eines »Romführers«* , geht über den P'ernpaß Nassereit, dann in weitem Bogen über Prutz, Mals. Meran, Botzen bis Trient (ein von vielen Pilgern begangener Weg), dann östlich durch das Val Sugana bis Ostiglia nach Bo- logna und von da nach Rom, um dort der reichen Ablässe teil- haftisr zu werden , die er nach dem Miasale lloynanum der Reihe nach aufzählt, und auch zugleich wohl die für einen Pilger nötige päpstliche Erlaubnis zum Antritt seiner Fahrt zu erbitten, wie auch Felix Fabki (allerdings nur schriftlich) getan hat 5).
>; Akten d. Univ. Erfurt (in d. Ge-schichtsquellen d. Prcv. Sachsen) I, 245: H54: »Ulricüs Brunxer, canonicus in Jlaugis in ErhipoVn u. 415: 1487: -vUlricus Brunner, canonicus ecclesiae S. Johannis in Ilaugis extra muros Herhipulenses*.
2) Archiv d. histor. Vereins für Unterfranken XXIX, 2S5.
3) "Wie die vorige Anmerkung gütige Mitteilung des Herrn Archiv- direktors GöBL in Würzburg.
*) R31, Note 13; ein Straßburger AVallfahrtsbüchlein (mit Straßburg be- ginnend) siehe im Arch. für Post u. Telegraphic XIV,428— 429; Simonsfeld, DerFondaco dci Tedeschill, 92—93; vergl. sonst Lelewel, Hin. Gand.l'äl— 298, besonders aber Wolkenhauer, Über die ältesten Rei?ekarten von Deutschland aus dem Ende des XV und Anfang des XVI Jahrhunderts in den »Deutschen Geogr. Blättern« XXVI, Heft 3 u. 4, Bremen 1903, 11 — 13, ;t) (Sonderdruck], wo auf die Bedeutung der Romfahrten für dielvartograplue und die Benutzung von Karten seitens der Pilger (vergl. 11 — 13 besonders) hingewiesen wird. Einen sehr wichtigen Beitrag für die llomreisen der Eng- länder aus dem X Jahrhundert gab Jung, Das Itinerar d. Erzbischofs Sigeric von Canterbury in den Mittheil. d. östorr. Instit. für Gcschichts^forsch. XXV, 1904, j). 1—91 {befioiidir'^ l.'i— 31 ; vergl. auch KoNRAU ^SliLLKK, Mappuc tnitndi III, 84—94).
J») CoNUADY 7;>.
Die Jerusalcmfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. 3
Von Rom bricht er am 24. April auf und geht nach Padua, bleibt hier vom 5. — 21. Mai, wo er in Venedig eintrifft. Mit mehreren deutschen Herrn vom Adel beschließt er, mit einem Schilfsbe- sitzer wegen der Überfahrt nach dem heiligen Lande in Verbin- dung zu treten, und am 23. Mai kommt mit Andreas Morosini unter Bürgschaft von dessen Bruder und des Andreas Contarini der Vertrag zu Stande, wodurch der Rheder sich verpflichtete, gegen Zahlung von 20 Dukaten pro Person, wovon die Hälfte sofort, ein Viertel in Jafa und ein andres bei der Rückkehr in Venedig zu erlegen war, die Pilger an ihr Ziel und wieder zu- rück zu bringen ; am 2. Juni sollte die Abfahrt erfolgen, aber sie verzögerte sich bis zum 7. Juni i). Die Zeit bis dahin wird mit Besichtigung der Sehenswürdigkeiten der Stadt und Ankauf der sorgfältig aufgezählten Gegenstände für die Ausrüstung zur See- reise ausgefüllt 2).
"S'on hier ab gcAvinnt ein zweiter Pilgerbericht vom Jahre 1470 für uns Interesse, den der Herausgeber bereits oben er- wähnte; er erschien in den »Forschungen und Mittheilungen zur Geschichte Tirols und Vorarlbergs« 1905, II, 97 — 152 (da- von S. 97 — 101 Notizen über die gleichzeitige Jerusalemfahrt der Mecklenburger Herzöge und S. 102 — 152 unser Text) und mag mit Rücksicht auf seinen Verfasser Friedrich Steigeh- \YALDER im folgenden mit St. bezeichnet werden. An dem- selben Tage, an dem nämlich Morosini mit seinen Pilgern be- reits abfuhr (7. Juni), ging Graf Gandenz von Kirchberg mit seinem Diener und einer großen Menge adliger Deutscheu, dar- unter sogar die Herzöge Ulrich II und Magnus von INIecklen- burg sich befanden, an Bord eines Schiffes des uns bereits be- kannten Rheders Andreas Contarini und fuhr einen Tag später (8. Juni) ab; am 20. Juni trafen sich beide Schiffe im Hafen von Modon, wo Morosini wie Contarini durch die Signoria den ge- messenen Befehl erhielt, da die Türken Negroponte bedrängten, ihre ganze Pilgermannschaft zur venetiauischen Flotte stoßen
1) Solche Schifffahrtsverträge sind uns auch sonst erhalten (R. 48, Note 125); der unsrige ist wohl der Zweitälteste und ziemlich scharf in seinen Bestimmungen. Über llheder vergl. K. 47 — 4S, Note 124, ebenda 49, Note 128 über die Höhe des l'ährgeldes.
-) Ahnliche Aufzählungen von Reiseutensilien der Pilger sind nachge- wiesen in R. 51, Note 144—147.
1*
4 Rcinhold Röhricht,
zu lassen. Morosini kehrte sich nicht daran, indem er erklärte, er führe zum Capitano nach Candia, und fuhr am 27. Juni ab, während Contarini dem Hefehl der Venetianer folgend bis an die Südwestspitze von Negroponte segelte und erst, als alle Hilfe- leistung nutzlos schieUj^ seinen Kurs nach Süden richten durfte; die Stimmung: der Pilger über die ihnen nutzlos bereitete Gefahr und Angst wird von St. ausführlich geschildert. Indessen er- schien Morosini am IS. Juli vor Jafa und bewirkte gegen Zahlung von IG Dukaten pro Kopf (ganz so wie bei St.) am 2J. Juli die Ausschiffung; die Pilger blieben bis zum 9. August in Jerusalem, kehrten am 12. August wieder nach Jafa zurück und traten in der Nacht vom 13. zum H.August die Heimfahrt an; ihre Reihen waren durch Krankheit und Tod stark gelichtet; auch schlössen manche von ihnen in Jafa sich der Reisegesellschaft Contarinis an. Plingegen war dieser am 11. Juli nach Candia gekommen und konnte erst am 27. Juli von dort abfahren; am 5. August ging er bei Jafa vor Anker, wo Morosinis Galee lag, erst am 14. August erfolgte die Landung, am IS. August die An- kunft in Jerusalem , am 2. Sept. fuhr man von Jafa wieder ab. Das Schiff lag vom 23.^ — -28. Sept. in Rhodus vor Anker, vom 1. — 11. Oktob. in Candia; am 8. November traf es glücklich in Venedig wieder ein. Morosini war ihm jedoch vorausgeeilt; am 5. Sept. hatte er Khodus erreicht, am 20. Sept. Candia, am 5. Oktob. Modon, am S. Oktob. Corfu, am 21. Oktob. ^'enedig, von wo Brunner am 25. Oktob. nach Mestre ging: über Treviso, Feltre, Porgo, Trieut kam er am 1. November nach Meran, w^o- mit sein Bericht schließt.
Derselbe ist wie alle Pilgerberichte schematisch; es ist fast immer genau dasselbe, was dort über italienische und die vom Schiff berührten Inseln und Plätze cr/ählt wird, obgleich doch auch wieder manches Eigenartige mit einfließt. Ebenso machen die Pilj^er sich die Schilderung des heiligen Landes leicht, indem siean der Hand eines :«^ Pilgerführers« alle besuchten Stätten genau, fast mit denselben Worten und Wendungen aufzählen, sodaß, wenn man alles das Gemeinsame herausheben wollte, ziemlich wenig übrig bliebe. Das würde aber viele Leser nicht befrie- digen und zwar mit Recht. Außerdem gehört gerade unser Be- richt zu den reicheren. Er bietet ein interessantes Itinerar gleich arn Ijngaiige, einen vollständigen Schiffsvertrag und eine Zu-
Die Jerusalcnifahrt des Kanonikus Ulrich Brunncr. 5
sammenstellung vonlleiseutensilien, gibt eine Reihe bisher unbe- kannter Namen , wo er vom Ritterschlage spricht; sein Schweigen über jede besondere Feierlichkeit bei Verleihung desselben, seine Nachricht über die Beteiligung des Konsuls dabei und dessen Hedeutung für die Verpflegung der Pilger in Jerusalem sind nur hier zu finden, daher recht lehrreich; zur Geschichte der Bau- lichkeiten auf dem Zion wird uns ein scharfes Jahr 1452 ge- nannt. Der geschichtliche Ertras: des Berichtes ist daher ver- hältnismäßig nicht unbedeutend. Eine Benutzung desselben durch Hans v, Mergenthal ist kaum zu beweisen, da die in bei- den übereinstimmenden Stücke in jedem alten »Pilgerführer« stehen, hingegen ist nicht unwahrscheinlich, daß ihn Walter GuGLiNGER vor Augeu gehabt hat, oder beide eine gemeinschaft- liche Quelle benutzt haben ^).
Ein dritter Pilgerbericht vom Jahre 1470 liegt uns vor aus der Hand des vlämischen Ritters Anselme Adorne^), dessen Großvater Pierre zum Andenken an seine Jerusalemfahrt in Brügge eine Kapelle des heil. Grabes hatte bauen lassen, aber leider hat der Herausgeber ^j^ der die lateinische Originalhand- schrift benutzte, deren Aufbewahrungsort nicht genannt und sich nur mit einem feuilletonistischen Auszuge begnügt, so daß wir auf die vlämische Ausgabe nach einem Codex von Brügge^) angewiesen sind. Demnach reiste der Pilger am 19, Febr. 1470 ab, durch die Picardie, Champagne, Burgund, Savoyen zunächst nach Mailand, das er am 20. März erreicht, dann über Pavia nach Genua, Rom^), Corsica, Sardinien, Tunis, Sicilien, Alexan- drien, Kairo, Sinai, Gaza, kommt in Jerusalem am 11. Sept. an
1) Vergl. untm die Stelle über Ragusa und die Schlösser von Rhodus, den verräterischen Handel der Templer mit dem Sultan betrefTend Jafa.
2) L. St. in Messager des sciences histor. de Belgique, Anselme Adokne, 1881, 1—44.
3] M. E. DE LA CosTE, Anselme Adorne , Bruxelles 1855, 2 voll. <S0; vergl. Uibl. (jeogr. Pal. Nr. 363.
4) Feys, Voyage d'ANSELME Adorne au mont Sinai et ä Jerusalem in Annales de la societe d'emulation, Bruges 1893, IV, 135 — 223; ein dritter Co- dex (aus Lille), den unser Herausgeber benutzt, war jedenfalls aus dem uns noch heut unbekannten Original geflossen.
5) De LA Coste 1,103 das Itinerar zwischen beiden Städten; I, 145 wird der Fall Negropontes kurz erzählt, I 205—243 die Reise von Jerusalem bis Brindisi.
6 Reinhold Kühricht.
[ü.it i/Uml trifft dort einen Herzog vonüänemark^], ferner Conrat PotausAutwerpen, Aubrecht Jacopszeune(S.175). Nach lltägigem Aufenthalt reisen sie am 22. Sept. ab nach Eamla (S. 18G), um Damaskus zu besuchen. Auf dem Wege dorthin nennt der Be- richt als Stationen Joyeux {Cod. Lille: Lutaria) und Frindacomie (S. 187), dann (S. 188): Jamy^ Gilboa, Nazaret/i, (S. 189) T/tabor, Heyne, Jeffeihijn, Sidelaye (Var. Sydisoye), Tiberias, Helmdine (Var. llelnwmie), (S. 190) Jcbescip (Var. Jebehosep, ein Berg), Moucie (Var. Monchie), Kanatiea, Kennebe ^ (De la Costk 2 1 7 : llemxche), (S. 191) Älmo chcdeyte, Aiapltar , Albayr {Albijre\ De LA CosTE 2 1 S gleich darauf einen Berg bei dem Dorf Sibiate mit hohem Felsen und schöner Quelle), Galbetcra, Becke, Alut, Meu- selon, Ädinas^ Assora, Arabra. Sie kommen nach Damaskus am 16. Oktob. (S. 191), reisen am 26. Oktob. wieder ab nach Beirut, von wo sie Cypern und am 9. Nov. Rhodus (S. 197 — I9S) glück- lich erreichen. Am 14. Nov. segeln sie über Symia, Tyle ab (S. 200), landen in Modon am 19. Nov. und treffen über Brin- disi am 2 I.Dez, glücklich in Neapel ein (S. 212), am 4. Jan. 1471 in llom, von wo sie über Florenz, Padua nach A'enedig kommen. Adorne reist von da am 6. März 1471 ab und trifft über Trient, Basel, Straßburg, Köln am 4. April 1471 wieder in Brügge glücklich ein. Den Schluß des Berichts (S. 213—217) bildet ein Itinerar, (S. 218—221) eine Reiseinstruktion, iS. 221—222) eine nur summarische Übersicht der Ablässe des heil. Landes und Roms.
Text 2).
[Fol. 1] Anno etc. LXX**. Octava die mensis martii (S.März) bin Ich Ulrich Brunner, Canonicus in haugis zu wirtzpurg, ausz gerieten , pro indulgentiis zu wallen gein Rome und darnach zu dem heilgenn grabe mit herrn Eberhart von Grumbach und mit herren Friderichen, meines gnedigen herrn von wirtzpurgk^) cantzler, und sein disz hernach-
^1 üb Herzog Ulrich II von Mecklenburg gemeint ist, der von Jerusalem aus nach dem Sinai ge^'angcn war?
*J Kleine Krläuterungen von der Hand des Herausgebers sind in runden Klammern in den Text eingeschaltet. [Die Redaktion.]
3) Rudolf v. Scheerenberg (1460—1495) Mar damals Bischof von Würzburp.
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. 7
gescliribeu die lierberge, wue wir alle naclitt blieben sein, und ist die erste herberg gewest: Ochsenfurt, Kotemburgk (Rothen- burg), Uiuekelspubel (Dinkelsbühl), Donawerdt (Donauwörth), Augszpurgk (Augsburg), [f. 1'] IJüchla (ikichloe), Füssen (Füssen), Nasarey (Nassereit), do scheit sich der weg gein Rome und gein Venedig, lirutz (Prutz), Maltz (Mals), Meran, Tramynn (Tramin), Trint (Trient), ist ein Bistum, und do hebt sich welische laut an, Burgeta (Borghetta) , Bernn (Verona), do ist sant Merteins swert und ligen do zwen BischofF, die beheiligt sein, Ostia (Ostig- lia), Bourprot (Boretto), Bononia (I)ologna), ibi iacet corpus sancti Dominici et Johannis Andrec, Florenciola (Firenzuola), Florentz (Florenz), Posiponcio (Poggibonsi), [f. 2] Senis (Siena). Ibidem ad predicatores jacet corpus sanete katherine de Senis et Caput eius iacet Korne ad sanctam mariam Minervara. Ibidem est sepulchrum Christi in tali forma sicut in Jherusalem. — Ad sanctuni clericuni (S. Quirico), ibi prope est Balneum Naturale. Aqua pendent (Aequa pendente). Viterbia (Viterbo), ibi iacet virgo de rosa integraliter in claustro monialium, et ibi emuntur cingula^). Tur vocan^]. Romam intravimus quinta die mensis aprilis (5. April).
Tncipiunt staciones ecclesie Romane per sanctum G r e g 0 r i u m p a p a m o r d i n a t a e :
Dominica prima in adventu [f. 2'j domini stacio ad mariam maiorem.
Dominica secunda ad sanctam Crucem.
Dominica tercia ad sanctum petrum.
fferia^) quarta quatuor temporibus ad sanctam mariam maiorem.
feria^) sexta ad duodecim appostolos.
In vigilia Nativitatis domini ad sanctam mariam maiorem.
In Nocte Nativitatis domini ibidem in presepio.
1) Für Gebärende (Hakff 13).
-] Ist offenbar identisch mit dem heutigen Baccano (bei Baedeker Bac- canacio), im Itinerar. Antontni und auf der Tahula Peutlnger ad Baccanos genannt [die letzte Station vor Eom auf der von Florenz resp. Siena nach Rom führenden Via Cassia-Clodia) , durch das häufige Tur, torre als antik charakterisiert. Bei Mergenthal E IV heißt es: Thiirhikan.
8) Bei feria wird stets- ff geschrieben.
g Reinhold Röhricht,
In Aurora ail sanctam Anastasiam.
In die ad maiorem missam ad sanctam raariain maiorem.
In die Sancti Stefiani ad sanctum Steffauum in monte celi.
In die .Sancti Johanuis ad sanctam niariam maiorem.
In die Inuocentum ad sanctum paulum extra muros.
In die Circumcisionis domini ad sanctam mariam transz-
tyberiun.
[f. 3] In die Epiphanie domini ad sanctum petrum. Dominica Septuagesima ad sanctum Laurentium extra
muros.
Dominica quinquagesime ad sanctum petrum.
Dominica sexagesime ad sanctum paulum extra muros.
feria quarta in capite Jeiunii ad sanctam Sabiuam.
feria quinta ad sanctum Georium.
feria sexta ad sanctos Johannis et Paulum.
Sabbate ad sanctum Trifonem.
Dominica prima quadragesime ad sanctum Johannem Late- ranensem.
feria 2^ ad sanctum Petrum ad vincula.
feria S'' ad sanctam Anastasiam.
feria quarta ad sanctam Mariam maiorem.
[f. 3'] feria quinta ad sanctum Laurencium in Damaso.
feria sexta ad XII appostolos.
Sabbato ad sanctum Petrum.
Dominica 2^ ad sanctam Mariam.
feria 2^ ad sanctum dementem.
feria 3^^ ad sanctam Sabiuam.
feria quarta ad sanctam Ceciliam.
feria quinta ad sanctam Mariam Transztiberim.
feria sexta ad sanctum Vitalem.
Sabbato ad sanctum Marcellinum et Petrum.
dominica 3=^ ad sanctum Laurencium extra muros.
feria 2^^ ad sanctum Marcum.
feria 3" ad sanctam Pudencianam.
feria V ad sanctum Sixtum.
feria quinta ad sanctorum Cosmi et Domiani.
feria sexta ad sanctum Laurencium in Lusino.
[f. 4] sabbato ad sanctam Susannam.
dominica quarta ad sanctam cruccm.
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. C
feiia 2'' ad sanctoruni quatuor coronatorurri.
feria 3* ad sanctum Laurencium in Damaso.
fcria quarta ad sanctum Laurencium extra muros.
feria quinta ad sanctum Martinum in monte.
feria sexta ad sanctum Eusebium.
Sabbato ad sanctum Nicolaum in carceribu?.
Dominica quinta ad sanctum petrum.
feria 2^^ ad sanctum Crisogonum.
feria 3^ ad sanctum Ciriacum.
feria quarta ad sanctum marcellum.
fcria quinta ad sanctum Appolinarem.
feria sexta ad sanctum fSteffanum in monte celi.
[f. 4'] Sabbato ad sanctum Jobannem ante latinam portam.
Dominica sexta ad sanctum Jobannem lateranensem.
feria 2=^ ad sanctum Nereum et achileum.
feria 3=^ ad sanctam priscam. feria 4^ ad sanctam mariam maiorem. feria quinta ad sanctum Jobannem lateranensem. feria sexta ad sanctam Crucem. Sabbato ad sanctum Lateranensem. In die pasce ad mariam Maiorem. feria 2* ad sanctum petrum. feria 3=^ ad sanctum paulum.
feria quarta ad sanctum Laurencium extra muros. feria quinta ad sanctam mariam Rotundam. feria sexta ad sanctam mariam de populo. Sabbato ad snnctum Jobannem Lateranensem. [f. 5] Dominica in octava pasce ad sanctum pangracium in letaniis maioribus ad sanctum petrum.
In die pentecostes ad sanctum petrum. feria 2=" ad sanctum petrum. feria 3'^ ad sanctam anastasiam. feria quarta ad mariam maiorem. feria quinta ad sanctum laurencium. feria sexta ad XII appostolos. Sabbato ad sanctum petrum.
feria sexta post letare (G. April) feci integram confessionem ad sanctum Jobannem lateranensem.
Sabbato (7. April) celebravi ad sanctum Laurencium.
^ 0 Reinhold Röhricht,
Dominica die Judica (S.April) celebravi ad saiictum Petrum.
feria 2^ ('•. A])ril) celebravi in monte, ubi sanctus Petrus crucifixus fuit et est [f. 5'] parvum monasterium et sunt ibi duo moniales. Et est ibi camisium saneti pelri.
feria ^'■' MO. AjuiT celebravi ad sanctum Joliannera latera- nensem.
feria qnarta (11. April) celebravi ad sanctum Sebastianum.
feria quinta (12. April) celebravi ad fontes, ubi sanctus Pau- lus decollatus fuit.
feria sexta (13. April) celebravi ad sanctam crucem in mo- nasterio cartliusiensium et ibidem sunt tantum tres carthusionses.
Sabbato (14. April) celebravi ad mariam maiorem in altari, ubi sanctus Jheronimus iacet corperaliter sepultus.
Dominica palmarum (15. April) celebravi uff dem Gotzacker, und wer doruft" begraben wirt, des Icichnam verwiset inii sieben tagen gentzlichenn.
[f. 6] feria 2^^ (lü. April) post palmarum celebravi ad sanc- tum paulum.
feria 3'' (17, Aprllj celebravi ad sanctum Johannem latera- nensem.
feria quarta (18. April) celebravi ad scalam cell, ubi sanctus liernhardus celebravit et vidit scalam de altari erectam ad celum et angelos descendeutes et ascendentes, et est ibi magnus con- cursus et devotio et dicitur, quod qui celebrat ibi pro una anima existente in purgatorio statim liberabitur.
Dominica pasce (22. /Vpril) celebravi ad s. petrum in altare, ubi sanctus Gregorius corporaliter iacet sepultus.
feria 2^ (23. April) celebravi in ecclesia s. püdenciane in capella ibidem, ubi sanctus petrus suam primam missam ce- lebravit.
feria 3'' (24. April) exivi Romam versus Veneciam, [f. 6'] Tur vocan 1), Viterbia (\'iterbo), Aqua pendent (Acqua pendente), ad sanctum clericum (S. Quiricoj, Castellin 'Castiglione d'Orcia), llorentz (Florenz), Scherparia (Scarperia), Bononia (Bologna), Verrer (Ferrara), do ist gar ein schone newe carthaus gepawet, und sein XX costenlicher zelle, der innen der yede besunder bot ir eigen capellen, ir studorium und bucher, ir essekammern,
1; VergL oben S. 7 Anm. 2.
Die Jerusalcmfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. H
ir summerliausz, ir spciszkammer, ire sloffkammcr und zwcne garten und einen prunnen dorinnen. iJadüa (Padua).
[f. 7] Gein IJadua kam ich am samstag nach quasimodogenili (5. Mai) und pleib aldo biss ufF montag nach cantate (21. Mai).
Badua ist ein grosse schone stat und Icyt funfF meile von Venedig und ist als grosz als Venedig. Do selbst ist ein grosz schone closter und kirch genant zu sant Justina, und ist 15ene- dicter ordens und ist gar ein reich closter, und in dem selben closter ligenn leyphaff'tig begrabenn sanctus lucas ewangelista und eyn bein von sant mathias und sancta Justina und sanctus prodocius (S. Prosdocimus), ein heiiger bischoff, den hot sanctus petrus von rome dohin geschickt, und er hot das [f. 7'] gantz laut do selbst bekart. Doselbst ligen auch unter einem gewelbe
Eylftauset raertcrer. Doselbst ist auch ein tafel, dor an sanc- tus Lucas unser frawen bilde gemolet, als sie jesum am arm hot, derselben bilde ist auch eins im thüme doselbst, und wenn zu Hadua ungewittcr ist oder nit reget, so machen sie process und tragen die selben pilde umb, und do ich zu Badua Avas do het es in langer zeit nit gereget, also machten sye drey process und trugen die pilde umb, alszbalde Avarde es regen, und reget bey acht tagen, die selben pilde hon ich eigentlich gese- henn. [f. 8] Item zum thume zu Badua leyt sanctus Daniel, ein heiliger merterer. Item doselbst leyt eyn kirch genant zu sant anthonien, das ist gar ein schone kostenliche kirch, und dy stule im köre sein von eytell zypreszem holtz und manclierley farwen gemacht und geziert, und ist eyn closter francisser ordens, und in dem selben closter ligen zwen heilige niünche, der ein genant sanctus Anthonius, der ander sanctus Lucas; doselbst ist auch ein finger von sant Mathias. Item doselbst zu sant claren ist der milch von der [f. S'] brüste marien. Item doselbst ist ein newe cartheuser closter gepauet, dorinn sein noch newr vier priester. Item zu Badua ist ein prunne, der ist von einem
doctor, genant meister peter von abeno ^), ausz eines mannes haüse mit der swartzen künst gesatzt an die gassen für das hausz, gleich gantz, als er im hoff gestanden hot, und ist gut wasser, und man trincket das noch. Zu Badua ist ein hohe schul. Item
1) Petrus Aponus de Abano bei Fabri III, 391 — 392, wo die Geschichte noch ausführlicher erzählt "wird.
j2 Reinhold Röhricht,
an der miiwoclienn nach misericordia domiiii (9. Mai) reit ich von Hadüa zu unser liehen frawen ad montera [f. 9] rotündam (sie; Monte Ortone) und hisz doselhst messe, und unser liebe frawe ist'; gar gnedigUch doselhst, und gescheen grosz wünder- zcichen doselhst. Am donerstag darnach (10. Mai) lasz ich
messe in sant Justinen kirchen zu Badua uf dem altare, do sanclus lucas ewangelista leyt corperaliter. Am suntag iuhi-
late (13. Mai) lasz ich messe in dem nunen closter, die ohser- vautz halten, genant zu Steffim, und der Anthenor, der den krieg zu Troya gefurt hot, der hot sein Begrebnusz vor dem closter. Item zu Badua ist das kostlichste und das schönste
[f. 9'] Balacium, das in welischen landen ist, und ist mit pley gedeckt, und man helt alle gericht doselhst. Nota zu Badua mögen zwen nehen einander zugeringes ufF der statmaur umh die stat reyten. Item von Badua ufF funff meyle ligen gar gute naturliche wilpad^ , in der einen genant Montigrot badet der cantzler VIII tag.
Venedig.
Am montage nach cantate, der do was der XXI tag des meyen, kamen der cantzler und ich gein Venedig, das leyt fünf meyl von Badua, und man fert [t 10] in einem halben tag dohin uff dem Wasser, und doselbst kamen wir zu Wilhelmen von liechpcrg, Jörgen Marschalk und AlbrechtenvomWolff- stein^) und andere, mit den wir zu dem heiigen grabe zugen.
Item zu Venedig ligen vil heiliger leychnam. Item zu sant Jörgen doselbst ist der linck arm sant Jörgen gantz mit der hende bisz an die Schulter, dobey leyt eyns heilgenn leichnam genant paulus, ist ein hertzog von Bürgündia gewest^), der ist wider die diirckenn gewest, und Cosmus und Damianus und Eustachius. [f. 10'] Item in der kirchen zu sancta Helena leyt sancta Helena corperaliter und ander mer heiigen. Item zu sant Niclas ist der siben kruge einer, dor inn Jesus wasser zu wein machte, und do
' Handschrift hat rts^
-', Bafjni d Albano, Montegrotto, BattagUa 10, 13 u. 18 km. sw. von Padua
;IIeriklI. liAliUEKEU).
3; Der unterwegs in Ramla starb (R, 141).
* Zur Sage cf. Conr.\dy 82, Note 40; Sollweck 53.
Die Jersalcmfiihrt des Kanunikiis Ulrich IJruiinur. 13
selbst leyt eanctus Nicolaus der grossev und sein schuhe, sein bacülüs pastoralis, vor dem die bösen feinde fliehen, und ein stucke von dem heiigen kieiitz. Item im spital crucifl'erorum leyt saneta Barbera corperaliter. Item zu Venedig leyt sancta Lucia und der dreyer nagel einer, und ein beyn von sant cristoffel. [f- ' l] Item /u sant cristina leyt ir corper begraben
und sant Hürsina. Item zu sant Marcus ist daz ewangelium
buch, das er selber geschrieben hat, und ist von Agla^) dohin komen, und in der selben kirchcn leyt der venediger schätz und ein glidt von sant marcus rechten daümen, den er ab beysz, als er sant peters jünger was, das er nit dorfFt priester werden, und do selbst ist unser freuen pilde eins, das sanctus lucas gemalt hat.
Item zu Venedig im cartheuser closter ist der dorn eyner von der cron crisli und ein stuck des heiigen kreutzs. [f. 1 1'] Item
zu nieron [Murano] ausz wendig Venedig, do mau die gleser machet, ligen der kinder acht, die herodes hat lassen doten. Item als man von Venedig gein Meisters (Mestre) vert, do ist ein Munch closter, do leyt sanctus Secündus, ein konig und ein Mer- terrer wider die durcken. Item zu sant Marcus zu Venedig ist uff unsers herren auffarts tage Vergebung aller sünde, pein und schuld, und ist die selben achttag grosz messe daselbst. Item uff den dritten tage des appiilen in der kirchen zu alekarito (Chaviton) ist Vergebung [f. 12] aller sunde von pein und schulde, dor inne ist der hobst'-) drey jare ein koche gewest verborgen vor dem roten keyser. am dinstag nach vocem jocunditatis
(29. Mai) lasze ich messe zu Venedig in sant Barbera kivchen uff" dem altare, do siehe leiplich leyt, und der linck kinbrack ist nit do. An der mitwochen läse ich messe ad sanctam Ilelenam uff" dem altare, do sie leiphafftig leyt.
An der mitwochenn nach cantate (23. Mai) sein wir mit herrn Andrea Moiisini, dem patron zu Venedig, über kummen in massen hernach geschrieben stet. [f. 12'] Item das er uff sams- tag nach ascensionis domini (2. Juni) ausz faren und das zu ver-
1) Aqiiileja, als dessen erster Patriarch S. Marcus gilt; die Patriarchen verlegten aber später ihren Sitz nach Venedig. Der Codex S. Marci wird ülirigens als im Schatz befindlieh auch erwähnt in einer Beschreibung Italiens^ Leipzig 1692, 850 (Herr Dr. H. Baedeker).
-) Alexander III. , wie auch Peteu Rot {cd Beenouilli) 83 — 84 erzählt, wo noch auf Reuter, Alexander III., 111, 322 hingewiesen wird.
] 4 Keinhüld Röhricht,
penen bey einer summ geldes. und doizu den bilgeryn ire koste auch bezalen, und ob er wolt furzihen, die herschafft verhindert Ml. das sol den bilgerin kein schaden prengenn an solchem ge- dinp^e. Item er sol die galen vertigen mit buchsen, schützen
und mit allen wepnermi, werckleüten und amptleüten, die dann von recht uff" ein galen gehorenn. Item er sol auch hin und
wider kein kauff'manschatz füren, noch laden in keine weys, sun- dern allein ein [f. 13] auffsehen uif dy bilgerin. Item man hot mit dem patron gedinget ein person umb XX ducaten, sol ein vder alhye X ducaten, zu Jaffa V ducaten, und so man wider umb gcin Venedig in die stat kompt, V ducaten bezalen, welch aber zu sant kathrin (Sinaikloster) wolten, so sol yedem funff ducaten abgeen. Item die stete, die uns der patron gibt, sol er unns unverdrungen mit andernn leuten dobey pleiben lassen, das wir unser druhenn, laden und ander gezelt, auch den wein bey unns gelegen mögen, und yede stantz [stanza, Stelle) hat noch der breyte [f. 13'] als weyt begriffen, als diser faden langk ist, der hie in dis blate gezogenn. Item er sol uns geben ein
stat uff dem herde, die wir wollen, do wir unser zubusz gekochen mögen, dor zu sol er uns auch geben holtz, saltz und wasser nach unser nottorfft. Item er sol alle morgen unser yedem geben eyn glasz mit gutem malmasey (Malvasier) und brot dorzü, und zwi- schen molen sol er uns drincken geben, als offt wir des begeren. Item er sol uns ungemischten wein gebenn und dor zu die speise, in masseu er im [f. 14] selbert thut. Item wollen doben bey im yn der boppen {poppa^ Schiffshinterteil) essen, das man uns das gebe, wolten wir aber donyden essenn, sol er uns nach aller nottdorff't geben, in mossen wir mit ime zu disch seszen. Item er sol an allen porten für uns frisch lirot kaufen, wue er das gehabenn mag, so er auch in der galen f tisch prot hecket, sol er unser yedem ein halb frisch prot gebenn über disch. Item er sol uns wasser, holtz, saltz, essig und ole noch notdorfft geben zu rechter zeyt, so oft't wir des begern. [f M'j Item er sol mit den seinen bestellen, das sie uns an allen porten in unser ein- gelagel frisch wasser br engen. Item er sol mit seinem keller koch und dem scalco (Küchenmeister) bestellen, wann wir an sie fordernn wein, brot oder anders, das sich gepurt, das sie uns das unverzyhen geben und nicht antworten, das sie solchs vor an den patron i)rengen wollen. Item wn wir in den porten abtreten.
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. 15
sol der patron mit uns abtreten und in die licrbrig füren, oder uns einen redeliclien dyner zu bescheiden, der das thü und bey uns bleiben, bisz wir wider in die [f. 15] galen kumenn. Item wu wir an den haben stillehielten, sol er uns kostunge thün, wie obgeschricben stet, wu wir aber an den porten abtretenn und uberuacht dorinnen plieben, sollen wir unser eigen gelt zeren, doch welche nit absten wolten und uff der galen pliben, den sol er koste geben, wie obenstet. wu man auch in den porten
bebequemlichen nicht koste gehaben mocht und wider zu schiff ginge, sol der patron dy koste dar geben, es were dann daz der patron von fortüu [fortuna, Sturm) oder sein selbs wegen an andere dann dise nachgeschriben siben porten an [f. 15'] füre, so solt er uns die koste gebenn. Item der patron sol seiner sache halben on luisern rott und verwilligiing an keiner porten nicht ligen kein zeit, sundern sol faren zu aller zeit, so wir des be- geren. Item er sol bestellen, das wir alle mol die erstenn ausz der galen mugen farn, domit das wir die ersten und nit die letz- sten in die hevberg sein. Item er sol unns auch alle mol zeyt- lich wissen lassen , wenn er ausz den porten ausz segeln a\ olle, uff das unser keiner dohinden uff dem lande pleybe und uff [f. IG] einem klein schiff lein hinnach faren must, sundernn sol verzihen, so lange bis wir alle uff die galen komen. Item er sol auch be- stellen und dorob sein, das wir von den schiffleüten, avu wir gen, sten oder sitzen in der galen keinen überlast haben weder mit Worten, noch mit wercken, sundern wue eyner ging, das sie yrte, sollenn sie ine mit züchten worten underrichtten. Item do irot vor sey, das unser einer oder mere krauck würden, sol der patron in dy nesten porten anfarn und aldo zwen tage stilhalten, do sol er den, die uff der galen pleiben, koste geben, und die uff dem lannde [f. 16'] sollen sich selbs verlegenn. Wue aber die bilgerim haben wolten, das er lenger denn zwen tage stilhalten solte, Avie vil er den tage nach den zweien tagen still hielt, solte er ausz den prudernn in der galen vier nemen, Avas die dann erkennen, das man ime fuv sein kostunge dy selben tage geben, das also gescheen. Item der patron sol uns lassen setzen einen hüner- korp an ein zimliche stat, dor inne unser hüner bewart sein mögen. Item der patron sol an allen porten, do man pflicht zu zu lendenn, anfarn und uns lassen ausztreten hin unnd herwider, doch sol er nit [f. 17] anfiirn an die porten, do man kauffnian-
jß Keinhold Röhricht,
schätz ptlicht zu treyben als gein parut, acri et cet. Item und nemlich sol er anfarn zu parentz, ragüsa, korfu, madon, candia, rodis, zippernn, und ob yemant under uns doselbst zu zippern zu dem konige weit, nach dem sol er yn die porten, die der slat, do der konig ist, am nesten were, vier oder funiF tage nach den bil»crn harrenn, und sol den, die nicht abstünden, notdorfFitige koste «»eben. Item er sol uns getreulichen roten und under-
wevsenn, was er weysz das uns nütz und gut ist, und sol uns auch getreulichen und uif [f. 17'] das beste beysten, vertreten und vertcvdingen und sunderlichen, so wir in die heydenschafft komen, das er uns nicht lasz unrecht thun an bezalunge des gleyts, der esel, oder mauler, unnd wu uns dy heyden besweren "svoltenn, das er nicht dorzu sweige, sundernn dorein rede und doran sein das unns von in kein überlast wider fare. Item er sol zu Jaffa mit uns abtreten und, filledieweil wir ufF dem heiigen lande sind, an alle stete, do es sich gepürt, milt uns reyten, gen und sten und nemlich zu Rama, do sandt Jorge enthaubt ist worden, ufF dem berge [f. 18] Syon, und umb den bergk an alle heiige stete, das man uns die beweyse und verkünde, uff den bergk oli- veti, in das tale Josaphat, Betlehem, item do sant Johans geborn ist, gein Bctonia, gein Jericho, (Quadrant ana (Quarentana), do christus gevast hot, gein Jordan und sust an ander heiige stete, die die bilgeryn pflegen zu suchen. Item was dem patron yn dem heiigen lande gburt ausz zurichten oder sust underwegen, sol er thun onverzihen, uff das wir dor innen nicht aufgehalten werden. Item der patron sol an uns nicht begeren im eyncher- ley [f. 18'] gelt zu leyhenn, oder andere bezalunge zu thun, denn wie vorgeschrieben stet. Item ob der patron sturb, ee
und er auszfure, sollen sein freund einen anderen als guten patron bestellen, der uns zu gleicherweyse als er uberfuren solt. Item welche prüder das mer nicht geleydeu mochten, und so sie hun- dert welisch meyle nemlich bis gein parentz füren und dann allo wider umb kcren wolten, derselben einer sol dem patron funtf ducaten geben nicht mer, füren sye aber weyter, so sollen sie geben, wie obgeschriben stet. [f. 19] Item des alles sol der
])atron sich bey eyden und glubden zu halten verschreyben und uns des brivc und sigel noch nottorfft geben, und dorzu in der stat buch schreiben lossen bey einer pcne zweytausent gül- den, wu er das alles und iglichs nit hielt, das unns dann solch
Die Jerusüemfahrt des Kanonikus Ulrich 15runner. 17
gelt verfallen solt sein und das uns dann solch gelt die herschafft liulff einbrengen ongericht und furgebot. Item der Morisin
hot uns vor dem gericht Schreiber und in des gericht buch zu bür- gen gesatztAnndrea Conterino, procuiatorem [f. 19'] sanctimarcy, und dominum Maüracenum fatrem domini Andrce patroni, mit der unterscheid, wue er uns das alles einis oder mere nicht hielt, das uns dann Andrea Morisin zweytausent gülden solte verfallen sein, und do für sollen die obgenanten bürgen verhafft sein und uns dorumb auszrichtung tun. Gescheen uff dem sale bey sant marcus zu Venedig an der gemeyn stat, do der gerichts Schreiber l)flicht zu sitzen. Anno domini LXX'^ an der mitwochen nach cantate (23. Mai.) Item den notario haben wir XIIII Schilling geben fur XIIII person. [f. 20] Item der patron sol nnns ein
eygen knecht umb süst füren, der unser aller warte. Item
der patron sol von dem medico, der mit uns fert, nit mar denn X ducaten nemen^j.
Dis hernachgeschriebenn haben wir zu Venedig kaufft uff dy galen: Item coriander [Coriandrum sativum L.) IUI libias fur X grosch, die man nach dem essen sal essen. Item mandel
prcparan (Mandelpräparat) IUI libras fur X grosch, die ysset man, wenn man wil. [f. 20'j Item enysz (Anis) IUI libras für X gto- schen, die ysset man nüchtern, und sterckt das hertz. Item
confectum cinomomi II libras für V groschen, confortat sto- machum. Item confectum citerini II libras für X groschen, ist gut fur die omacht. Item manus christi^) II libras fur XVIII gro- schen, confortat cor. Item zucker rosat IUI libras fur XXII gro- schen, das macht man in wasser und drinckt es fur den dürst. Item osileti VI untz für XII groschen und sein liecht, die brent man und macht guten gerüch 3) . [f. 2 1 ] Item gebacken damasten ■*) XII libras fur XII groschenn ist für den durst. Item sweinem und rintfleisch für II ducaten. Item II hüt zuckers fur I du- caten. Item I metz preymel (Prembel, Brombeeren ?). Item I metz erbis (Erbsen). Item III korbe, ein beslosscn, und die
h Vgl. bei Mergenthal F3— G den ebenfalls mit Andreas Contarini geschlossenen Kontrakt (der vielfach abweicht) und G— G2 die Aufzählung der Reiseutensilien.
2) *3Iassa quaedam saccharo conditat (Du CanGe).
3) Also eine Art liäucherkcrzen.
*) Getrocknete Damascener Pflaumen? Ztsclir. d. Pal.-Ver. XXIX. 2
J8 Reinhold Röhricht,
amleren offen. Item zweii cvsin topf zu kochen. Item ein eysin pleiclieyii kann (Bleihkanne). Item drey stul, do man
uti" sitzt (Naclitstnlil . Item zwu pfannen. Item ein wasser
kessel. Item ein dischtücli. Item ein hantzwelen (Zwillich).
Item VI 11 wachszliecht, der kau man nit eiitberen, [f. 21'] Item IUI krug zu wein und wasser. Item ein napff, der über mau die gleser und hende weschet. Item für I gülden ynge-
wer. Item fiir I ort negelein (Nelken). Item XXV libras mandel. Item XXV libras reysz. Item XV libras wein- ber. Item I libram saffran. Item II libras zimetrinden. Item VI lil)ras Treseneyi). Item V libras zuckerkandyt (Zucker-
kandis). Item XII loffel. Item I leuchten Item I duca- ten für biscockt brot [biscotto^ Zwieback), das aller weist. Item ein trüben für dye kuchen speyse. Item VIII Ijernisch gleser (Veroneser Gläser). [f. 22] Item ein hunerkorp. Item
hüner. Item eyer. Item zwu grosz tecken. Item XII dein decken under dy bette. Item yedem ein beth, materatz, ein kussin, deck und zwey par leylach (Laken), kost ydes III du- cateu. Item zwu trispitzen (Schemel) und eyn disch. Item ye zwen ein trüben. Item ydem ein karnyer [charniere^ Schloß). Item roten und weyssen wein. Item zwu lagel (Legel, Hobl-
gefiiß zu wasser. Item yedem ein leychtenn filtzhüt oder
sthauphüt. Item ein gemsen rocklein. Item ydem ein par
hultzer stegraff (Hölzener Steigbügel). [f. 22'] Item buternn musz man zu Venedig bestellen, den man der furter nit findt.
Am sontag nach ascensionem domini (3. .Tun.) füren wir in die galen und beliben an der porten , dye von Venedig uff das hohe mer get, ligen bisz uff donerstag (7. .Tun.), denn wir nit wint betten für uns, und alle morgen füren wir in das closter zu sant Niclas, das ist I^enedicter ordens und helt observantz und leyt bey der porten, und in dem selben closter lasen wir messe, wer dorzu geschickt waz. An der mitwochenn ((i. Jun.) noch
essens füre ich mit andernn ausz der galcn zu sant [f. 23] Endres in das cartheuser closter, dor innen sein XVI zelle und bey XXIIII cartheuserrn und haben kein gemeyn liberey^, sunder ir ycder hat sein bucherr bey im in seiner zelle und sein eytel ^'enedis;e^ dorin.
'es^
', Tresanut hieß jeder mit Zucker bereiteter Arzneikörper.
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. 1 9
Am donerstag in octava ascensionis domini (7. Juu.) hetten wir guten Avint nnd furcn frü dnrch dye porten und kamen bey L meylc ufF das hohe mere, do hetten wir kein wint und bliben uff' dem mere hgen bis uff" freitag vor pentecostes (8. Jun.) zu nacht zwischen Trist (Triest) und Ankana (Ancona). Trist hetten wir uff" die linckcn haut und Ankana und die marck, die gein Rome gehört, uif die rechten [f. 23'] haut und waren in willen gein parentz (Parenzo) zu farenn, das hundert meyl von Venedig leyt in windischem lande, do trister lant ausz get, und hetten kein wint und müsten uff" dem hohen mer pleybenn.
Darnach am freytag nach vesperzeit kam eyn grosser sturm- wint und brach ein grosz seyle am segel, das man den nyder müst lassen und ein ander seyl ein ziehen und füren darnach und kamen bey L meyl weyter uff" das hochmerc, do get windisch lant uff" die lincken haut an, und man sieht kein lant uff" die rechten haut, und waren in meynung [f. 24] gein Zara zu faren das leyt III C meylu von Venedig, aber wir mochten windsz halben gein Zara nit kumen. Und am samstag (9. Jun.) gar spet kam ein wint, das wir mit halbem segel die gantzen nacht gefaren mochtenn. Und frue uff" den heiigen Pfingstage (10. Jun.)
liesz uns aber der wint, das wir uff" dem mere blibenn den tag und darnach in der nacht hetten wir geringen wint, und uff" montag (11. Jun.) liesz unns aber der wint, doch nach essens kam ein senff"ter wint, das wir fiiru und kamen, das uff" die lincken hant windisch lant auszgingen und dalmatien angingen, Dal- matia gehört [f. 24'] zu dem Romischen reicb, und uff" die rech- ten hant ein steyner hoher fels nicht sere preyt genant Lisella (Lussin piccolo), darnach nit ferre von dem selben felse leyt eyn berck genant sancte Andree (S. Andrea), und sanctus Andreas hot doruff" gepredigt, und sein noch zwen heremiten uff" dem selben berge in der kirchen, die in der ere sant Andreas ist ge- pawet, und haben ein brünen mit süssem wasser, dor noch leyt eyn insel genant Lisa (Lissa), die ist gar fruchtbar und hot uff" viertzig meyl weys wein garten, und man gleicht sie der inseln candia.
Und uff" dinstag (12. Jun.) fru kamen wir an eyn Gebirg, das [f. 25] leyt in ragüser landt, und dorgegen über uff" die rechten hant leyt eyn insel, die ist auch der von Ragus nnd ist fruchtbar und tragt wein und feygen. Ragus (Ragusa) ist ein veste stat,
2*
0(1 lleinholJ Uuhrich»,
und sein din venodigcr') sibcn jor dovor gelegenn und bawten ein slosz dofiir und musten abzihenn und mochten der nit ge- wynnen, die erkennen den konig von ungernn für iien herren, und geben im jars tausent gülden 2;, und leyt uff dem lande gein der Turckey nnd stest d y Türekey hat doran und sytzen mit dem Turcken in geding irs lendleins halben, sust ist es gar ein veste stat, [f. 25'] das sie nit zu gewynen ist, ünt uff mitwochen
(13. Jun.) frue füren wir von der galen genn Ragus in die stat und horten do selbst messe und assen frü und spot doselbst und gingen uff dy nacht wider in dye galen. item zu Eagus in der
pfarre leyt sanctus Blasius, und do selbst ist das tuch und windel, dor inn Christus in den terapel geopffert wart, und Ragus leyt V C mevl von Venedig. und in der nacht füren wir wider ausz und kamen uff donerstag (14. Jun.) umb mittage, das wir Alba- niam uff die lincken haut hetten. Albauia ist des Schander- becken^) gewest, und noch seinem tode hat es der dürcke under sich prachtt in funff oder sechs jaren und [f. 26] sein drey bru- der gewest, die nach dem Schanderweck das laut geerbt habenn, der ein bot geheissen Nicoiao und ist mit den anderen zweien in zwitracht gewest und hot etlich laut in Albania dem Durcken eingeben, und uff sarastag (16. Jun.) hetten wir die stat üüraten (Diirazzo) uff der lincken haut, und die stat ist der Venediger und das laut gantz des Diircken, und nicht verre dovon leyt ein veste slos und stat genant Velona (Avlona), dye hat auch der Turck innen, und leyt alles in Albania.
>) Fahrt III, 360—361: *qui quondam sex annis ("Walter Guglinger 74 : fn'idnn annns) eatn nhse.deriint et ante urhem arcem aedißcarerunt nee tarnen profecerunt<. GlACOMO DI PlETRO LccCARI, Cnjnnsa ris'retto degli annali di Jicitsa, Venetia 1605, 14 sagt, daß Bodin, König v. Dalm?.tien, 1182—1189 Ragusa vergeblich 7 Jahre belagerte (Herr Dr. Ch. Kouler); es liegt aber eine Verwechslung vor.
2) Ebenso Walter GroLlNOER 74; löOÜO Dukaten dem Sultan, sagt Fahrt III, 360,
3) Nach Scanderbegs Tode (17. Jan. 1468; vgl. Hopf, Griechenl. Bd. 80, 157; Chroniques 533) besetzten flie Türken fast ganz Albanien; im Frieden vom 25. Jan. 1470 behauptete Venedig nur Durazzo und Antivari (Uli). Scander- begs Brüder waren Keposs [\ als Mönch auf dem Sinai), Stanisa, Konatan- tinos; Stanisa war Gemahl einer Türkin und Vater des Hamsa; er war 1450 schon tot, Konstantinos 1438 (123, 125). Ein Nikolaus I. Dukagia fiel 1458 von Scanderbeg ab und bald darauf im Kriege (133).
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Bruiiner. 21
und uff sontag Triuitatis (17. Juu.) kamen wir zu der inseln genant .Sasino (Saseno) und lag utf die lincken liant, und leyt [f. 2ö'] in Albania und liot der Durcke innen, und bey der ob- genanten inseln leyt ein gebirge, das lieist Zimera (Cbimara), von dem selben gepirge hat man LXXX meyle gein Corfn, in die stat die do leyt in giecia und utf dye lincken haut doselbst in Albania leyt ein lendlein, die sein uyeman underteynig und halten sich des Durckeu autf und hot hohe berge und enge wege, das mit macht nyeman /u ine komen mag.
und utf dinslag zu nachtt (19. Jun.) do kamen wir zu der inseln Corfu, dye ist siben C meyl weyt, dye leyt utf die rechten haut, und do leyt ein closter, ist gepawet in der ere unser [f. 27] lieben frawenn, genant Casabo (Kasopo), und sein kristhische priester dor innen, und ist ein ampel dor innen vor unsern fiewen bilde, dorein geust man des jars eins ole, und brunnet das gantz jare, dobey hat ein stat gclegenn, dye meure sten noch, die do vcrstoret ist worden von einem trachen propter peccatum sodo- miticum, und etliche frumme leut, die in der seihen stat gewest sein, habenu unser frawen [pilde; getilgt] angeruffeu, und als der trach ausz dem durckischen gepirg kumen ist, do ist ein wint kommen und hat den trachen zu trumern an ein fels jje- slagen, und an der selben stat ist die obgenant kirche [f. 27'J in der ere unser liebenn frawen gebawet^ und uff die lincken haut nit weyt dovon leyt ein stat genant Butiutro (Vutzindro) und leyt gein Corfu über, und die Krichen haben die selben stat innen und Icyden grossen gezwangk von den dürckenn unde zwischen Corfu und Eagus heyst das mere der Golff und ist ge- verlich dor utf zu faren, und utf mitwochen vor tage (20. Jun.) kamen wir gein Korfu und frü füren wir in die stat und ein subtil [soitile, klein, schnell) armat galen kummen ausz der Venediger here von Nygrapont, die sagten uns, das der Durch für Nygrapont mit macht gezogen were und het [f. 28] bey IUI C segel und syder crist^) gepiiit wem die durcken nye sto starck utf das mere komenn, und die galen lüde prot in das here zu fuien, und als wir an das kamen, saget man uns, es were durch den capitanium der Venediger bestalt, was galen kernen, dye solt der capitanius nemen und ausz irem lande burger und
*) crist oder trist.
•)2 Keinhold Köhricht,
bawren dorauff setzen und gein Nygrapont zu rettunge füren i), und Corfii leyt in kiichisthem lande VIII C meyl von Venedig und ligen zwev feste hohe slosz in der stat zu Corfu, und die stat ujid slosz haben dye Venediger innen. [f. 2S'] item zu Corfu
im thum loyt sanctus Arsenius begraben, und ist ein bistum und diT yt/.undt ein bischoff do ist, der ist ein prediger münch und ist Ytziiudt ein vveyebischoff zu Venedig, und im tlium zu Corfu sein XII Canonick und in die corporis Christi las ich messe in dem obgenannten stiefFt, und bey Corfu get Albania ausz und get Tesolonia (Thessalonich) an.
Am freytag nach corperis christi (22. Jun.) fureu wir zu Corfu aus und betten keint wint fuv uns und kamen umb morgen essens zeit bey eyn slos genant Strafili (Stoävili) uiF die lincken haut, und ist des Dürcken, und die Dürcken haben stetigs hun- dert pfert [f. 29] do ligen wie die Venediger, denn dye Venediger habenn nit weyt slos dovon ligen. Am samstag in vigilia Johannis Uaptiste (23. Jun.) kamen wir zu dreien inseln, die hiijen uns alle drey uff die lincken haut, die erste heist sancta Mafra (S. Maura), die ander heist Cesolonia (Kepbalonia), die dritte heist Zante (Zante), und ligen alle dreye in krichischem lande, und bot sie innen Miser Leonhardo de sancta Mafra und gibt tribüt dem Turcken und sitzt mit seinem lande stille und helt es mit nyeman^), und bindet den inseln leyt ein stat genant Patras (Patras), do sanctus Andreas ist gemartert wordenn, und hebt sich doselbst Morea das laut an, und [f. 29'] darnach zu end leyt ein stat uff die lincken haut heist Lepantes (Lepanto), und ist der Venediger und vegt sich doselbst Kümania an, dar- nach leyt ein stat heist Arkadi (Arkadia), und die hot derTurcke ynnen und leyt zu nest bey Madün (Modun), das sie alle tage zu ein ander rennen, und uff die rechten haut leyt ein insel genant Strifali (Strivali), do sein krichische prister genant kaloeri^) innen unnd haben vil fruchte dor innen.
uff dinstag nach Johannis Baptiste (26. Jun.) fru kamen wir bey Madun, und dy stat leyt in Morea in turckischem lande, und ist ein weyt lant und wechst der Rümania (Ramanierwein) dor
>, lt. 14(J; HeyI), Jflst. (hl commerce II, 325. 2) Über ihn Walter Guglinger 79. 3; y.a),<5Y£poi (WalterGuglinger 80).
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunncr. 23
innen, und ist ein vestc stat. [f. 30] und frü schickt der
Venediger lieuptman ein subtil galen zu uns und liesz uns ver- bieten, das wir nit on laubc (Urlaub) des liauptmans weyter faren selten, und bey der genanten stat über leyt ein insel genant mons sapientie (Sapienza), und uff dinstag zu vesperzeit faren wir uff einem barckcn gein Medün in die stat und besahen die und füren spet wider in dy galen. und uff mitwochcn nach
essens füren wir on laubc ausz (27. .Tun.), also schickten uns dy haubtleut zu Madün zwü subtil galen nach und geboten unserm patron bey einer pene [poena, Strafe) tausent gülden, das er nit weyter faren solt, also gab unser patron dy [f. 30'j antwort, er wolte geinCandia zu der Venediger oberstenn capitanium farenn, also liszen sie uns faren, und füren wider von uns, und umb mittage kamen wir bey ein stat Cron (Koron) genant, und ist der Venediger und leyt uff dye lincken haut in dem lande Morea und leytt Barbaria das laut uff dy rechten haut aber gar weit.
und uff donerstag früe (28. Jun.) kamen wir zu der innseln Cerigo (Cerigo), dye lag uff dye lincken haut und ist der Vene- diger, und ligeu drey slosz dor innen, dor gein über leyt ein wüste insel genant Cicerigo (Cerigotto) und leyt viertzig meyl von der insel Candia.
und uff den abent kamen [f. 31] wir bey ein stat genant Canea (Canea), und lag uff dye rechten hant in der inseln Candia und ist der Venediger und leyt in grecia und heist Cretensis, und die Venediger haben ausz irem gesiechte einen hertzogen^) in Candia, der bot allen gewalt do selbst von iren wegen, und am freytag früe (29. Jun.) füren wir ausz der galen in dy stat vind assen frue und spet dor innen und uff die nacht füren wir wider in die galen, und ligen drey closter in der stat zu Canea, eins pre- diget, eins barfusser und eins Augustiner ordens. item in der inseln zu Candia ist ertzbischoff genant cretensis und sein wonung ist ad sanctum Mirum. [f. 31'] und hot IX bischoff^) under im nemlichen Canee, Gysamensis, Retemiensis, Arriensis, Milopota- mensis, Archatiensis, Cironensis, Geropetrensis, Sitie. item zu Candia in der stat ist das haupt Titi, der do ist gewest eyn
1) Jeronimus de Molino.
2) Ga.ms zählt 10 Bischofssitze in Greta auf: Chironensis, Sttiensis, Ar- chadiae, Calamonensis od. Hethitnensis, Agiensis od. Cydoniensis, Cissamensis, Canticensis, Ariensis, Milopotamensis, Jerapetrensis.
21 Reinhüld Köhricht,
jünyer saut Puiilüs, und sanctus Piiulüs hat die gautzeiiu inseln zu christenliehein glaubeuu bracht. item do selbst ist das haupt sandt Barbera'), der kiin|jjin vou C ipein, item do seihst ist ein arm [f. 32' von saut Steffan un ein arm von sant Endris und ein arm vou sant lilasius. item die insel zu Candia ist VI C meyl wevt, und uff die liucken hant stoszt Candia an dye Dürcken und uff die rechten hant Harbaria Machmeths «glauben, und die iiinsel ist gar fruchtpar, und ligen drey grosse stete dor innen nemlichen Candia, Canea uud Retüno und ist ein konigreich gewest uud hat gar vil castell und wechst in der innscl der mal- niasey (Malvasierweiu) und zipressen holtz. item zu Candia
seiu etwe vil closter uud greckisch kirchen, uud sein do münch, dy halten observantz, und sant Paulus hat die von Candia bekert. [f. 32'] am sonntag nach Petri uud Pauli (1. Jul. füren wir von Canea aus der porten und kamen uff freytag in octava appo- stülorum Petri et Pauli (6. Jul.] frue gein Rodisz und füren zu mittage von der galen in die stat gein Rodisz genant Colosen- ses2), und die insel zii Rodisz bat hey III C weliscb meyl be- griffen, dor innen vil vester slos ligen nemlichen vier slos, die nicht zu gewynnen sein, das ein heyst der Eysin Nagel^j, das ander Linda (Castell di Lindo), und wen der Heuser herren einer uberdrilt, so sent man ine dohin, uud ist ein baffe under der erden, dorein setzt man in und gibt im ein brot und lest ine do sterbeun, [f. 33] uud das drytt heyst Filinoff (Philermo), das vierd heist Cateni*), und uff die lincken hant ^\eyt vom wege leyt die insel Memphis-^), die man in actibus nennet Mittilene, do sauctus Paulus hin kam, do er appellirt ad cesarem und das schiff zu brach und in die slannge beisz, und nit weyt dovon sol die innsel seiu, do sanctus Johannes Ewaugelista appocalipsim
': Sonst wird der Leichnam S. Barbaras in Venedig erwähnt (Coxrady 60; SoLLWFXK 83;; das Haupt sah Fabri III, 287 (wie auch das des Titus) hier in Candia.
2; Über diese irrtümliche Bezeichnung vgl. I-Aiuil 111,252; Waltkr
GüGLlNGEB 85.
3) Custello di Ferraclo (Conrad Y 171).
*) Catavia oder Canea, im äußersten Süden der Insel. Die Stelle steht wörtlich hei Walter Guglixger 85,
•'-; Geraeint ist die Insel Melita (Malta), die unbegreiflicherweise hier aii- gezogen wird.
Die Jeruaakinfahrt de« Kanonikus Ulrich lirunner. 25
geschrieben hat und heist insola Johannis (Patmos), und dye reclit Duickey leyt bey llodis/. über uff drey nieyle, und man nent sie Natoria (Anatolien), und in einer stund kan man mit den schiffen [f. 33'1 von Rodis in die J)urckey uff dem mere kumcn und wen schiff gein Rodis kämmen, das sehen dy Durcken uff den bergen, die an dem mere ligen, und machen des uachtes uff den selben bergen fewre und gel)en domit zeichen'), das man solchs gar weyt in der Durckey vernympt und sich darnach rich- tet, und do wir gein Kodis kamen mit unser galcn uff den selben abet, was ich im slos zu Rodis und sähe zwey fewr uff den bergen in der heydeuschafft brunneu. item im slosz zu Rodis in der ])farkirchen leyt sant Eufemia und ein arm von sandt Steffan und ein groz stuck von dem heiigen kreutz [f. 34] und ein dorn von der krön Christi und ein arm von sant Jorgenn und der dreissig pfenning eyner, dor umb Christus verkaufft warde, und sust vil grosz heylthums, und in der Cappellen im slosz ist ein dornn von der cron Christi, der bluet alle jare in cena dornini, und do ist ein schuzzel, domit der herre Christus in cena den jungernn ire fusse gewaschen bot. item zu Rodis ist ein spital, dor inn man alle kiancken und verwünte hehlet und ertzueyet das verlegt der meister, und der meister setzt im slosse alle tag XIII menschen zu dische^), und alle heiige tage dynet er in zu disch.
[f. 34'] am dinstag frue (10, Jul.) furcu wir zu Rodis aus unud kamen uff den abet uff den golff sandt Helene (Golf von Attalia), und ist doselbst das mere sere ungestüme und ist bey LXXX meyl von Rodis. Am donerstag (12. Jul.) zu nacht
kamen wir gein Papha (Haffa) in die zubrochen statt, dye leyt in der iunscln und in dem kungreich zu Zipern und ist ein grosse w^olgebawte stat gewest in der grosse als Nürinnberg, und sein vil closter, stiffte^ kirchen und cappellen dor innen gewest, und sanctus Paulus hat etliche zeyt do gcAvont und ein schul do ge- habt, und die ist bey XX staffeln uiider der erdenn und hat [f. 35] vier kamernn und eyu klein cappellen gehabt und gar ein guten brunuen, den drinckt man für den frorer (Fieberfrost), und der jungernn sant Pauls sein sibeu do getodt wordenn^) und sanctus
i] Die Stelle ist wieder sehr ähnlich der bei Gi;glinger S5,
2) Genaueres bei Ottheinricu (RM) 374,
3) Waltlr Gugwnger ö4.
20 Keiuhold liohricht,
Paulus ;i;t'fangeii unil in ein grausam gefengnusz l)ey XL stafteln under der erden gelegt, und die gefengknusz hat sihen tliür ge- habt und levt ein stein wuifF von der schule, die sanctus Paulus gehabt hot^j, und ist ein bisthum do gewest, genant Paphensis, und ist noch ein stifft. do sein VI canonickeu uff, und ein kunig von Engellant^j hat dyc stat gantz züstort und zubrochen, dar- nach hat sie der soldann auch zubrochenn. [f. 35'] und in der iuseln zu Zipcrn ligen zwue grosse stet, die ein heist Famagusta (Famagusta), dy ander Nigosya (Nicosia), und in der stat hut der konig von Zippern*) seyn wonunge, und die insel ist VII C meyl weyt und leyt III C meyl von Rodis und III C meyle von dem heiigen laude, item Cippernn heysscn galites(?), und in der innseln zu zippernn leyt ein closter '), dor innen sein mer denn \l C katzen, dye musz das closter von der slangen wegen, die sie erbeyssen, wann do mocht sust nymant gewonen, und die katzen sein stetigs zu felde, und so sie essen sollen, so leut man in mit eyner glocken, so kumen sye alle, unnd man musz den katzen einen eigen artzt halten, und der [f. 36] konig gibt dem closter alle jare mer denn III C ducaten von den katzen zu halten.
und als wir am donferstag gein Papha kamen, do kamen vier raiibschifF und legten sich für unns, das wir da musten pleiben bis uff montag früe (IG. Jul.) so lange, bis sie hinweck füren, und am montag füren wir zu Papha ausz unnd kamen uff mit- woch { 1 8. Jul.) zu nacht gein Jaffa an das heylig laut und hetten uff die lincken haut Cesariam, Acri, Barüti, das do ist dy porte zu Damasco, unnd raons (.'armeli, und uff dye rechten haut hetten wir Allexandria, A.lkeyer und montem Synay.
Und der patron füre von [f. 36'] stunde gein Jaffa an das laut und reyt die nacht gein Eama noch dem geleyte, und wir plieben uff der galen. item zu Jaffa sten noch zwen thürn und etliche gewelbe under der erden, dye haben dy heyden innen, und ist gar ein schone stat gewest, und man sagt, sy sey vor der sintflusz <j;ebawet wordenn und hot geheyssen Joppen, und ist dy
1) Vgl. Breitenbacu (RM) 137, (Reysbuch) 56.
*) Richard (vgl. RöHRicnT, Die Rüstungen des Abendlandes in H. VON Syhel, Histor. Zeitschr. XXXIV, 5!) fl".). «) Jacob II.
*) Vgl. CO.NRAUV 111.
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. 27
edelst stat gewest, so sie in der gaiitzen weit gewcst ist, und dy Tempelherienni) haben dye innen gehabt und ist zwirnet dem Soldan von den Tempelherren verkauft worden, das ein mol gewunnen sy es wider im übe, darnach kaufft er [f. 37] sie wyder und liesz sie zubrechen, dann er sie vor in nicht trawt zu behal- ten, sie gewunnen im die mit beben dikeit ab, wann sie sust also veste was, das sie nyemant gewynnen mocht, der Soldan hat gar groz gelt zwirnet dorumb geben, als er sye kaufFr, und die Tem- pelherren betten, als man sagt dye meynunge, sy wolten sie al- wege wider gewynnen von der guten kuntschafFt wegen xind haben also die stat von der kristenheyt bracht und ist nu nicht do denn ein stein gerütze. item sant Peter hat in der stat ge- nant Joppen Thabitham, ein dynerin der appostel, von dem tode erweckt 2)j [f. 37'] und sant Peter hat do gefischet und ettliche zeyt seyn wonunge do gehabt, und in die stat flöhe der prophet Jonas, do er den Nyliiviten predigen solt. Und also balde man ufF das heyige lant zu Jaffa tryt, so hat man applas VII jar und VII karen. item nit weyt von Jaffa stet ein hoher stein im mere, doruff ist sant Peter gestanden und hat gefischet, do ist applas VII jare und VII karen, und wir beliben uff der galen bis uff dinstag sant Jacobs abent (2J. Jul.), bis der hauptman von Jheru- salem und der gardian von monte Syon mit dem gleyte kamen, denn unser keyner an das lant [f. 38] dorfft so lange, bis das geleyt käme.
Und noch mittage am dinstag (24. Jul.) füren wir aus der galen an das lant geyn Jaffa und lagen zwüe nacht yn den ge- welbenn^jj und Avir vertrugen uns mit dem patron, und yede person gab ym XVI ducaten, domit solt er das tribüt für uns gantz auszrichten, ausz genomen dye kortisey (Trinkgelder)
1) Die Geschichte von dem Verrat und Verkauf Jaffas an den Sultan findet sich auch bei Walter Guglinger lUü u. 302, ist aber unbegründet.
2) Von hier sclireibt der Verfasser den »Pilgerführer« aus, der unter dem Titel >Peregrinationes Terrae Sanctae< handschriftlich, in vielen Sonder- drucken und in vielen Pilgerscbriften (z. B. Conkady 205 ff.) vollständig er- halten ist [Bihl.geogr. Falaestinae Nr. 267; vgl. dort Nr. 616 und s. voce Pere- (7/7Virti/o«es, Pilgeranweisung). Der Hauptpilgerführcr der Italiener (saec. XV) war Johannes Cola ^Bibl. (jeogr. Falaestinae No. 556; vgl. Angelixi, Lihri di guide e viaggi per la Terra Santa nel Cinquecento in Rassegna nazionale 1S9S, 1. JfaJ. XX u. R. 133—136.
3) Bilder davon in der Karte Breitenbachs in ZDPV XXIV, Tafel 2.
2§ licinhoUl llöhricht,
von den eselu, dye soll unser yeder für sich selbst auszricliten, und sein disz hernach geschriben dye kortisey, die wir geben haben von den esehi und sust.
Cortisia i).
von Jatla geiu liania IUI groschen.
vun Kama geyn Lidia I groschen.
[f. 3S'] von Kama geyn Jherusaleni VI groschen.
von Jberusalem gein Ijctlehera und zu sant Johans au das «ebir«' VJII groschen.
von Jherusaleni zum Jordan XV groschen.
von Jherusaleni wider gein ßama VI groschen.
von Kama gein Jaffa IUI groschen.
zu Jhericho den heyden I groschen. summa XLV groschen.
aber so unser yder sein geleyt und den Ion von den eseln t'ur sich selber ausz gericht hett, so hett es alles über XIII duca- ten mit der cortisey nit gemacht, es hette uns aber vil mühe und hindernussc gemacht, und umb frids willen und furdernussz gaben wir dem patron dye obgenanten [f. 39] X\ I ducaten, aber wir wurden von im nicht gefurdert, als wir gehofft halten etc. item als wir ausz der galeii füren, gab unser yeder zu schencke: dem corniten I groschen, den knechten, dy uns ausz der galen uu das laut fürten, I groschen, dem scalco I grosch, dem koch I grosch, dem underkoch I grosch.
Und am fieytag frü (27. Jul.) sassenn wir zu Jaffa uff' die esel und reyten gein Kama in die stat, dye leyt X meyl von Jaffa, und syhe dich do selbst wol füre, ob du ein maul oder [f. 39'] ein esel reyten wilt, denn wuruff du das erst mol reytest, doruff mustu dy ganlzen reysz ausz reytenn, dor umb syhe dich wol für und tliu Heisz, das du ein gut maul habst, denn du gibst von dem bösen als vil, als von dem guten. Und am freitag zu mittag
kamen wir gein Kama und stunden vor der stat ab und gingen in das spital, daz do dye bruder von monte Syon innen haben, und plieben dy nacht dor innen in ettlichen gewelben, die dor innen sein, und der consol von Jherusaleni 2) gab uns essen und
'i Genauere Angaben über Trinkgelder bei li. 62—63, Note 211.
2j »Der üonsul von Jerusalem« war kein diplonaatischer Beamter einer
Die Jevusalemfalirt des Kanonikus Ulrich Brunner. 29
di-incken umb unser gelt und die decken, dy \vir in den gewel- beun under uns legten, dovon [f. 4 0] musten wir den heyden Ionen von yeder zwen groschen. item Rama ist ein michel stat^ nicht verraawrt noch vergraben, und mit den heydnischen tem- pel wol gezirt, und ire kirchoff und begrebnus haben sie vor der stat uff dem felde, doruber darff unser keyner gen, oder reyten, auch wer in ire tempel ging den sy betreten, der must sterben oder cristens glaubens verlaiigen und iren glaubenn an nemen; und am samstag früe (28. Jul.) darnach hielt uns der prior von Jherusalcm ein messe uff eyn portatel [portatulum ^ tragbarer Altar) und absolvirt alszbalde alle, die des bobsts laub nit betten, und verkündigt uns, wie [f. 40'] wir uns halten soltenn, das wir den applas verdynten, nemlich vierley selten wir haben: des bobsts laub, den glauben, was man uns vonn steten weyset und verkündet, das wir des glauben, das wir gebeicht haben und on todt sunde sein, und das wir die stefe mit andacht besuchen.
und darnach sassen wir uf die esel und ryten gein Lidia, do
sant Jörg enthaupt und gemartert ist worden, das leyt zwu meyl
von Kaina und ist gar ein schone kirch gewest, und die kirchen
ist gantz zubrochen auszgenomen des kors stet einszteils do,
und dyc cristen von der gurtein i) die halten das innen und
nemen, was dy bilgerim opfern, doselbst applas VII [f. 41] jore
und VII karenn. item doselbst zu Lidia hot sant Peter Eneam,
die betrisin^), gesunt gemacht, und darnach ryten wir wyder gein
Rama in das spital und plieben dor innen bisz uff montag frue.
Und uff montag früe (30. Jul.) riten wir zu Rama ausz und
riten bisz gein Emaiis zu dem castelP), do müsten wir beleiben
die nacht umb der krancken willen, die nit w^eyter mochten ge-
reyten. item zu Emaüs erschein unnser lieber herre Lucas
und Cleophe seinen zweyen jungern, und sancta Helena het ein
schone kirchen dohin gebawet, und an der selben stat erkanten
italienischen Seestadt, sondern sicher ein durch das Vertrauen der Franzis- kaner und muslimischen Behörden erwählter angesehener eingeborener Christ (wohl »Gürtelchrist«), der für die kommenden und gehenden lateinischen Pil- ger als Patron (besonders für Unterkunft und Schutz) zu sorgen hatte (IIevd in Archices II A, 355—363; CoNRADY 120, 133).
1) Die Gürtel- oder Thomas-Christen (Conrady 116).
2) Bettlägerig (Act. Apost. IX, 33 f., vgl. Conkady 117).
3) CONRADT 118—119 [el-l-uhehe).
30 Keinhüld Röhricht,
sie den herren [f. 41'] in der brecliung des brots, und doselbst ist die begrebnusz Cleophe, der der zweyer junu;er eyner gewest ist, und dve beyden liaben dy kirchen gantz zubrochen; applas VII jar und VII karenn.
Und am dinstag (31. Jul.) frue sassen wir uff die esel und Titen und kamen gein Kamatba ^], do der edel man Joseph von Armathia, der den berren vom creutz nam, geboren ist AAorden, doselbst ist eyn schone kirch und wonunge gewest und ist gantz zurissen und zurstort. Und doselbst leyt begraben der prophet Samuel, der sein Avonunge do gehabt bot, und an derselben stat stund [f. 42] die arch testamenti vil jore. applas VII jare und VII karen.
und am dinstage (31. Jul.) zu mittag kamen wir gein Jheru- salem in das spitaP), dor innen die bilgerim ligen, und der con- suU zu Jherusalem gibt in essen und drincken umb ir gelt, und als balde man durch dy porten zu Jherusalem kompt, so hat man applas und vergebunge aller sunden. und an der mitwoch fru (1. Aug.) las ich messe in Monte Sion in dem köre, do der herre sein abetessen gehabt hot, und daz selbe closter haben die mino- res innen, und was bilgerym kranck werden, die fürt man in das genant closter, und die bruder versehen sie mit aller nottorfftt, und so die bilgerym [f. 42'] sterben, was sie bey in finden, das nemen dye selben bruder und sprechen, sye seyen des privilegirt von unserem heiigen vater dem babst ^).
Jherusalem'*).
Hiernoch sein beschriben die heiigen stete zu Jherusalem und umb Jherusalem in dem heiigen lande, die der gardian von Monte Syon den bilgerim weyset und sie dohin füret.
item ausz dem spital geth man zu dem tempel, und vor dem tempel, do stet ein gevirtor platz, der ist bey XX schriten weyt
', Vgl. CoNRAin- 21—22, 2015.
2) Man unterschied in Jerusalem das Johanniterhospiz (R. 65 — 66^ Note 237— 238; MuNdDPV 1S98, 05— 73) und das sogenannte Helenahospital (irn Osten der heil. Grabeskirche), das vielleicht >das Haus des Konsuls« war und hieß (Conkady 116, 120), in dem unsere Pilger wohnten (ebenso St.).
3/ Vgl. R. öi), Note 129.
«) Hier beginnt der Jerusalem betreffende Abschnitt des Pilgerführers oder Ablaßbüchleins.
Die Jerusalemt'ahrt des Kunonlkus Ulrich Brunner. 31
und proyt, und do mitten ufF dem selben platz leyt ein stein, uff dem selben stein seyg unser lieber herrc nyder under dem [f. 43] heyigen kreutz, als er das zu seiner marter trug, do für knyen dy bilgerym und küssen dy stat; applas VII jare und VII karen.
item es sten auch an dem benanten platz vor dem tempcl vier cappellen, drey uff dy rechten haut und die vierd uff dy lincken haut, und in der ersten capj)elien zu nest bey dem tempel uff dye rechten hant die ist gevveyhet und gebawet in der ere unser lieben frawen und sant Johans Ewangelisten, an der selben stat hat unser lieber herre sein liebe muter sandt Johansen be- volhen, und sant Johansen unser lieben frawen seiner lieben muter, als er an dem heilgcn kreutz hing; applas [f. i;V] siben jare und VII karenn. item dy^ ander cappell zu neste dobey uff der selben seyten die ist geweyhett in der ere aller engel; applas VII jare und VII karen. item die dritt cappell uff der selben seyten, die ist gebawhet und geweyhet in der ere des lieben sandt Johans des Teuffers; applas VII jare und VII karen. item die vierde cappel uff dy Hacken hant, die ist geweyhet in der ere sandt Marien Magdalenen; applas VII jare und siben karenn.
item darnach get man in den tempel und durch den tempel in unser lieben frawen cappellen, und dann so get man mit der pro- ccssion in [f. 44] das heylig grab und singet ein salve und kumpt wider in dye cappellen und verkündet dann den bilgerim den app- las und weysct sie, an welchen enden der ist und besiicht den mit der procession, und am donerstag frue (2. Aug.) lasz ich messe uff unseres herren grabe. item am ersten in derselben unnser frawen cappellenn uff der rechten hant neben dem altar in der ecken in einem vergittertem venster stet ein stuck der sewlen, dor an unser lieber herre in Pilatus hausz gegeyszelt ist worden, doran noch die zeichen der geyszelung sten, und ist bey dreyen spannen hoch; applas VII jare und VII karenn. [f. 44'] item in der selben cap- pellen, als der vorder altar stet, do erschein unser lieber herre unser lieben frawen siener muter an dem heiigen ostertag noch seiner urstend; applas VII jare und VII karenn. item aber in der selben capellen uff der lincken hant nebenn dem selben altar in einem gegitter stet ein stuck des heiigen kreutzs; applas VII jare und VII karenn, item aber in der selben cappellen in der mitten vor dem altar, do leyt ein preyter gerünter stein, an derselben stat ist das heylig kreutz vor der zweyer schecher
32 Reinhold K()hricht,
krentz mit dem (loten versucht wordenn und fuiiden worden; applas [f. 45] siben j«ire und Vllkarenn. itom vor der selben
capellen in dem teni])el, do leyt ein breytev gerunter stein und hat in der mitte ein cleyns loch, an der selben stat erschein unser lieber herre Marien Magdalenen noch seiner urstend in eynes gertners weyse an dem heiigen ostertag und sprach zu ir: »weyp]), wen suchst du, den lebenden bey den toden?« applas VII jare und siben karenn. item so get man dann für sich in den tempel urt" dy lincken haut zu eynem altar in einer vinster, an der selben stat ist der herre gefangen gelegen, bis sie das creutze und anders zu seyner [f. 45'] heiigen marter bereyten ; applas siben jare und siben karenn. item so get man den hinfiir in die kirchenn, und hinder dem vordem altar do stet in einer cappellenn ein deiner altar, an der selben stat haben die Juden nmb unsers herren ge- want gespilt; applas siben jar und \ II karenn. item so get man in die krufftt XXVIIII staffeln ab wartz, do stet ein altar geweycht und gebawet in der ere sant Helena; ajiplas VII jar und siben karen, item in der selben cappellen get man XII staffeln abewartz in ein andere cappellen, do selbst stet ein altar ufF dy rechten hant hat sant Helena das heylig creutz, die cron, das spere und dy nagel fünden; applas und Vergebung aller sunden. [f. 46] item so man aus der kruffc wider herausz geth, zu nest uff der lincken hant ist eyn cappell, dor inn stet ein altar, do stet ein stein, under doruff unser lieber herre in Pylatüs hausz gekronet, geslagen und verspot wardt, und do selbst ist Adams haupt fün- den worden, als etliche schreiben, applas VII jar und VII karen. item so get man denn zu dem berge Calvarie eyn stigen uff Xill staffeln hoch in eyn schon cappellen, in der selben ca])pel- len uff der lincken hant als uff drey spann hoch, do stet daz loch, dor inn das heylige krentz gestanden ist, doran unser lieber herre den todt und marter gelyden hat, und ist zweyer spann dieff [f. 46'] und unten mer denn einer hant Aveyt, und oben ein gut leyl weyter, in der selben capellen han ich messe gehalten; applas und vergebunge aller sunden. item in der selben ca-
pellen uff der rechten hant stet ein klufft des Steins, der sich zer- clob in unsers herren tode, und neben dem loch stet ein altar, i\cn haben dy bruder von Monte Syon innen, doruff hon ich messe gehalten, und die bilgerim halten gemeiniglich do und in dem heiigen gral)e messe und dye bilgerim dyc leyen sein, den
Die Jerusalem fahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. 33
gibt man das heylig sacrament vor dem obgenanteii altare.
item darnach, so man wider von dem berge Calvarie abewartz get und knnipt gegen der thür, die von dem platz in dein tempel get, do ist [f. 4 7] die stat, do unser lieber herre hingelegt wardt, als in Joseph und Nycodemüs von dem kreutz namen; applas unnd vergebunge aller sunden. item so get man denn zu
dem heiigen grabe, dorob ist ein capelle vast enge, und vor der selben cappellen hart dor an ist ein cleyne capelle, dor inne stet der stein, dorufF der engel sasz, als dy drey Marien den herren suchten und in salben woltenn und der^) in kunt dy urstend unsers lieben herrenn; applas Vlljare und VII karen. item
aus der cappellen so get man in dye capellen des heiigen grabs, dye ist enge und nyder und ist finster und bot kein Hecht denn von den amppelenn und kertzenn, dy man dor inn brennet, dor- Uft [f- 4 7'] hon ich messe gelesen in die invencionis sancti Steffani, anno LXX° (3. Aug.), und man slug alsbahle do zu ritter^) her Wilhelmen von Rechberg herren Wilhelmen von Run- ckel Jörgen Marschalk und Wilhelmen von Wytz, und yr yeder must vier gülden gebenn dem gardyan zu Monte Syon und dem consuP). ap])las und vergebunge aller sunden.
Und die hernach geschribenn versz*) sein geschrieben nff' dem pinnacel des heiigen grabs:
» Vita^) mori voluit et in hoc tümälo requievit^). Mors, quia vita fuit, nostram mctrix abolevit; Nam qui conf regit inferna sibique suhegit Ducendo '^] suos, cujus dux ipse coJiortis Atque^] triiimphator , Jtunc^) surrexit Leo fortis. Tartarus inde genuit et mors [f. 48] lugens spoUatur.i.
'j In iler Handschr. det.
-) Es ist auffällig, daß über den Ritterschlag (wie auch bei St.) so neben- sächlich gesprochen, auch kein Ritual erwähnt wird. Demnach scheint er da- mals noch nicht in großen Ehren gestanden zu haben.
3) Diese Abgabe an den Konsul wird nur hier erwähnt (R. 70 — 71 , Note 269).
4) Auch bei Wey 44 u. 70 (Röhricht in ZDPV XXVII, 189, Note 1), Felix Faüri, Evag. I, 337 und in Conrady, Vier rhcin. Pal. Pilgerschr. 140.
5) Cod.: Ita. 6) Fabri: quiecit. ') Fabri: Ducendoquc.
^] Cod. : Ad quem.
•') Cod.: huic; Fabri: hinc.
Zeitschr. d. Pal.-Vcr. XXIX. 3
34 Reinhold Röhricht,
Uml der tahernackel ob dem hcylgen grab und die cappel ist vaste mit mcrmelstein gezirt und gebawet.
item in dem tempel zu Jherusalem sind VIII glauben i) und zvingen der kristen, die do stetigs dor innen wonnen von veder zungen zu dem mynsten eyner. die ersten sein In-
diani oderr Abassini, die halten die stat uff die rechten haut bey dem heyigen grabe innen, dy anderen Süriani oder Syri,
dy haben die stat innen, als man in tempel geth, doder herre von Joseph und Nicodemus hingelegt ward, als sie in von dem heiigen kreutz namen und salbten. dy dritten Jacobiten dy
haben [f. 48'] den altare binden an dem heyigen grabe innen, dy vier den dye bruder von Monte Syon barfusser ordens, ge- nant katholicy oder francy, dy haben innen das heihg grabe und unser frawen eapellen und den altare zu der rechten haut in loco calvarie, doiuff sie die bilgerim berichten mit dem heylgenn sa- cramente. die funfften sein Nestorini, dy haben dy cappcl-
len innen, do der kerker ist, do der herre Jesus Cristus hin ge- furt wardt, bisz man das creutz und anders zu seinem heiigen leyden bereyt, und das ist gar ein böse seckt. die sechsten
sein Armeni, dy haben das vorderteyl uff dye lincken haut in der cappellen calvarie und die stat calvarie, do der herre ge- kreutzigt [f. 49] ist worden innnen. dye sybenden sein
Georgiani, die haben die cappellen innen under Calvarie und sein für sich selbst und habenn ein kunig, und in der selben cappellen ist der felsz in dem leyden Christi auffgerissen und stet noch offen einer guten spann weyt. die achten sein Gveci oder krichen, die haben den hohen altar mitten im tempel innen und lossen keinen bilgerim doruff messe halten, unnde was der benanten aller im tempel sein, die sein dor inn beslossen, und dye heyden haben den slussel zu dem tempel und lossen ausz und ein, wen sie wollen.
dye heiigen stete auszwendig des tempels in der stat
zu Jerusalem. [f. 49'] item am ersten so get man die langen Strossen und gassen abwartz, die istvast enge, in derselben gassen und Strossen
') Nun folgt der sehr häufig in Handschriften und gedruckten Texten erhaltene Traktat: De Septem nationibus [Bibl. gcogr. Pal. No. 238).
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. 35
trug unser lieber herre das heylig creutz bisz zu dem berg Cal- varie zu seiner heiigen marter. item am ersten in der selben
gassenn uff die rechten haut stet ein haws, an der selben stat gab unser lieber herre der frawen dy Veronicai], (jy noch zu Rome ist; applas VII jare und VII karenn. item uff der selben
seyten zu nest dobey stet ein grosz haws des reichen maus, der dem Lazarus das almusen versagt, und in mit den hünden von der thure liesz jagenn; applas VII jar und VII karen. item
aber ein cleins verrer an einem ecke an der selben gassen [f. 50] ward Symon gezwungen, das er unserm lieben herren das heilig kreutz must helffen tragen; applas siben jar und VII karenn. item uff der rechten seyten do selbst stet ein deines haws, do selbst stunden dye frawenn und clagten, weyneten und schrien, den antwurt unser lieber herre, sie selten über ine nicht weynen, sunder über sie selber und über irc kinder; applas VII jare und VII karenn. item aber ein deines verrer uff der selben sey-
ten in der stressen bev dem wege stund unser liebe frawe under anndern frawen und sach unsern lieben herren iren eingebornen sün in grossen smertzen und leyden under dem heilgenn kreutz smelichen für sie füren, [f. 50'] do ward sie von grossem leyde on mechtig und sanck ernyder zu der erdenn; applas und Ver- gebung aller sunden. item dovon nicht verre stet ein swy- boge über die strosz und gassen, dor inne zwen grosse stein stenn, uff dem ein ist unser lieber herre gestanden und pylatus uff dem anderen gesessenn, als unser lieber herre zu dem tod ver- ülteylt ist worden; do ist Vergebung aller sunden. item do bey stet das haws, dor inn unser liebe frawe zu schule ist gangen ; do ist Vergebung aller sunden. item dobey stet das haws Pylati, dor inne unser liber herre verulteylt ward, und ist noch eins richters haus der heyden; do ist Vergebung aller sunden. [f. 51] item dobey uff die lincken hant ist herodes haws, dor inne der herre verspot und gepeinigt ward; do ist Vergebung aller sun- den, und ine Pylatus und Herodes haws darff kein bilgerym gen. item der teych probatica piscina, dor innen der engell von himel das wasser bewegt, der leyt nohen dobey. item dorbey uff die rechten hant ist der tempel Salomonis, dorein unser liebe
Schweißtuch.
3*
36 Reinhold Röhricht,
frawe geopffert und Joseph vertrewet ward, und dor inn Christus fanden wart, dorein torren die bylgeiym nit gen; do selbst ist vergehung aller sundenn. aber der tempel, der ytzund do stet, den hat Salomon [f. öTj nicht gebawet, sunder in hat gebasvet Hamar (Omar), ein junger Machmeti und brynnen alle nacht bey viertzehen tausent ampeln dor innen'), und wenn ein erist dor- ein ging der müst von stundt seines glauben verlaugenn (ver- läugnen) und ein heyd werden, oder sy sniten in ein niytten von evnander und dotten in darumb warnet der gardian von Jheru- salem dye bilgerim dovor. item dobey nicht verrc ufF die
lincken haut stet das haws Joachim und Anne, dor inne unser liebe frawe geboren wardt, do selbst ist Vergebung aller sunden. item darnach so kummet man an dy porten, die ausz der stat geth, do selbst ist sant Steffan versteynt wordenn ; applas VII jar und VII karen. [f. 52] item zu der rechten haut ufFein arm-
brust schusz ist die gülden porte, durch dy reyt unser herre Jesus Christus ein an dem palmtage und ist nun zugemawrt; applas von pein und schulde. und zwischen der obgenanten porten
und der statmaur inwendig stet ein cappol, durch die selben cappellen musz man gen, wer durch dye gülden porten gen wil, aber dye porte der statmaur, durch die man in die cappellen get, ist nu vermawrt, das man nit zu der gülden porten n kummen mag, auch bewaren dy heyden mit großem fleis dye porten.
Dye heyigen stete auszwendig bey der stat Jherusalem (mons oliveti und das tal Josaphatt).
[f. 52'] item am ersten so kumpt man von der stat an das tal Josaphat und kumpt an die stat, do das heylig kreutz über den bach cedron zu einem stege vil jore gelegen ist; applas VII jar und VII karenn. item so get man denn ein deines
verrer, so kumpt man zu unser frawen cappellen, do sye begra- ben ist worden, dor ein get man gein tal XLVIII staffeln ab- wartz und get uff dye rechten hant hinfüre, do stet unser lieben frawen grapp in einer kleinen cappellen, die hat nit mer stat denn zu dem f^rabe; do ist Vergebung aller sunde. item so
man wider aus/, dor kirchen get, so get man uff die lincken hant XII staffeln hoch zwischen zweyen meuren, so kümpt [f. 53] man
«) Vgl. ToliLRR, Jenisalcm I, ".TO.
Die Jcrusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. 37
an Ölbergk, do unnser lieber herre Jesus Christus seyn grosse angst und nott hett und sein plutigen sweis vergosz und do sein hinielischen vater bat, ob es mocht gesein, das er der matter überhaben were; do ist vergebunge aller sunden. item so get
man denn ein cleynes weyter, so kumpt man an den weg, den unser lieber herre an dem balrntag ein reyt gein der guldeiu porten warts; applas VII jar und VII karenn. item darnach
so get man ein deines utf gein dem olberg warts und kumpt in den garten, do stet ein stein zwischen zweyen clein meuren, an der stat ist unser lieber herre gefangen worden; applas VII jare und VII karen. [f. 53'J item ein deines verrer uft'
dye rechten haut, do leyt eyn grosser stein, dor under sassen dy drey jünger und sliefFen, do unser lieber herre an dem olberg knyet und betet; applas siben jar und VIT karen. item ein
cleynes verrer so kumpt man an dye stat, do unser liebe frawe sandt Thoman den gurtel herwider abfallen liesz in irer hymel- fart; applas VII jare und siben karen. item ein kleynes weyter so kumpt man an dy stat, do unser lieber herre Jherusalem an sähe und weint und sprach: »Jherusalem, westu, das ich weisz, du soltest mit mir weinen.« applas VII jar und VII karen. item so get man verrer, so kumpt man an dy stat, do unser lieben frawen der engel [f. 54] drey tag vor ire sterben ir abscheyden kunt tet, do selbst sie unseren herren dreyerley bat, das sie den feint nit sehen solt und das dy junger bey irer abschidung sein selten, das dritte das sich der engel nennen solte; aplas und Vergebung aller sunden. item so get man verrer^) und kumpt an dy
stat Galilea do sich unser lieber herre offen part seinen jungernn an dem heilgcn ostertage; ablas VII jare und siben karenn. item von dannen gein dem olperg warts so kumpt man an dye stat, do unns dye bruder von Monte Syon den tcmpel Salomonis und den tempel unser lieben frawen und dye guidein porten und [f. 54'] ander heyige stete zeigten, dohin die bilgerim vor den heyden nit gen dorffen; ablas von der selben stat VII jare und VII karenn. item darnach get man verrer uff den öl-
bergk, do stet ein kirche, do inne stet ein cleyne cappell, in der mytte der selben cappellen leyt der stein, dorauff unser lieber herre stund, als er gein himel füre, dor inne man den rechten
1) An verrer ist hinten das Zeichen für »er« angefügt.
3S Reinhold Röhricht,
tubztrit noch eygeutlich sieht; ablas und veigebunge aller sunde.
item als man den bergk wyder abget, ein mitten an dem berg, do ist die stat, als unser lybe frawe geruwet hat, als sye die heii- gen stete alle tag bey irem leben besucht hat; ablas VII jar und \ 11 karen. [f. 551 item darnach nit ferre ist die stat, do
unser lieber herre zu seinen jüngeren sprach: »Selig sein dye, dy aus demutigen hertzen sein«; aplas VII jave und VII karen. item darnach kumpt man an die stat, do die heiigen zwelfl'boten den glauben zu liaufF gelesen und gemacht haben; ablas VII jare und VII karen. item dovon nit verre uff die lincken hant
ist gestanden ein capell, die ist geweyhet in der ere sant Marcus; ablas VII jare und VII karen. item do bey zu nest do ist
die stat, do unser lieber herre sein jünger das pater noster lert; ablas VII jare und VII karenn. [f. 55'] Und dovon von dem
so kumpt man under den bergk oliveti, doselbst hat ein ende das tal .Tosaphat, und doselbst stet auch Absolonis grab und ist in einen gantzen stein gehaweu und ist grosz und zweyer gadem (Stockwerke) hoche. item das tal zu Josaphatt leyt zwischen
Jherusalem und dem berge oliveti und ist eins guten arm])rust schiis lanck und ist zu mossenn preyt und hat weder wisen nach garten, das im dye weyten geben mag etc. item darnach get
man uff die lincken hant, so kumpt man z\i einer zerbrochen kirchen, dor inne ist unden ein loch, dor innen was sant Jacob, der mynner (mindere, jüngere), und [f. 56] wolt dorausz nit konienn nit essen, noch drincken, bisz das sich unser lieber herre im offenbart nach seiner urstend; ablas VII jar und VII karen.
item zu nest ob dem loch offenbart sich unser lieber herre sant Jacoben nach seiner begire; ablas VII jar und siben karen. item so get man dan uff dy rechten hant einen guten weg an ein berg, do stet eyn loch, do get man dorein abewartz zu eynem brunnen, dor ausz unser liebe frawe unserm lieben herren sein dücher und windel wusch; ablas VII jare und VII karenn. item zu nest ob dem benanten loch so get mau dann nit verre uff dye rechten hant [f. 5G' und kumpt zu dem brunnen Syloe oder Natatoria, der entspringt in einem loch und fleusset in ein gefirts kar (Trog), und darnach verrer doraus wüsche sich der plinde von geheysz des herren und ward gesehend; ablas VII jare und VII karen. item von dann nit verre uff die lincken hat^) do
•) Lies: hant.
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunncr. 39
ligen stein uff ein ander gelegt, an der selben stat ward der pro- pliet Ysayas mit einer hultzen sogen von einander gesniten und do begraben; ablas ^'I1 jare und VII karenn. item von dann ein guten ■weg uff die lincken haut, so get man den bergk auff- und kum])t uff den acker, der nu heyszt der gotzacker, der umb die dreissig pfennig kaufi't wart, dorumb [f. 57] unser lieber lierre verroten wardt; ablas VII jar und VII karenn. item söget
man den benanten bergk wyder ab und als mitten an dem berg sten die locher, dorein die junger flulien und sich verbürgen in unsers liebcnn Herren gefengknusz unnd leyden; applas VII jare und VII karenn. Und dovon nit weyte ist Salamon gecronet
worden, und dobey nitweyt ist das haws mali consilii, dor innen die jaden zu rote gingen und beslussen Christum unsern herren zu döten. item so get man dann uff dye rechten haut ein
hohen berok uuff /u dem closter Monte Svon etc.
[f. 57'] Mons Syon.i
item am ersten get man in dye kirchen uff XIII staffeln hoch und kumpt zu dem hohen altar in der mitte, do selbst hat unser lieber herre mit seinen lieben jungern das abentessen gessen; ablas und Vergebung aller sunde etc. item neben dem ege-
nanten hohen altar uff' der rechten hant stet noch auch ein altar, an der selben stat hot unser lieber herre seinen jungem ire fusze gewachssen; ablas VII jare und \ II karenn. item so get man
dann uff dye lincken hant durch ein thure, und ausserhalb der kirchen hinder dem benanten hohen altar do ist ein capell gestan- den, die der hertzog von Burgund in der ere der heylgenn [f. 58] driveltikeyt bawen und weylien hat lassen, do selbst hot unser lieber herre denn aposteln den heiigen geist gesant; ablas und Vergebung aller sunden. und dye genanten cappellen und
etlich newe gebewe haben dy heyden gantz zu brechen anno LII" ij. item so man aus der kirchen Monte Syon kumpt, so
get man in den kreutzgangk, und zu hinderst in dem krcutzgang do stet ein cleyne cappell^ an der selben stat erschein unser lieber herre seynen jungern, und sandt Thoma greyff in do in sein wun- den und sprach: »Mein herre, mein got!« und heyst sant Thomas
1) Diese scharfe Angabe ist nur hier, daher von großer Wichtigkeit (CoNRADY 130, 216 hatte die Zeit nur annähernd bestimmen können).
.jO Reinhold Röhricht,
capelle; ablas und verj^ebung aller suuden. item auszerhalb
des closters [f. 58'j nit verre von der kirchenn, do hat man stein zusammen übereinander in dye hohe gelegt, an der selben stat do ist sant Mathias /u einem apostel erweit wordenn; ablas VII jare und VII karen. item nit verre dovon slet ein gevierte niawr von stein zu samen gelegt, do hot unser liebe frawe nach dem K'vden Cristi gewout XIIIl jare, und doselbst ist ein loch ufF der erden, do ist sye gestorbenn und verschydeu; ablas vergebunge aller suudenu. item zu nest dobey ufF der lincken haut leyt
ein stein in der mawren in dem eck, an derselben stat pflag der liebe herre sant Johanns unser lieben frawen messe zu halten ; ablas VII jare und sibenn karenn. [f. 59] item nit verre von
dann uf der selben seyten stet Annas haws, dor inne Jesus Christus unser herre verspott und geslagen wavdt; ablas VII jare und VII karenn. item zu nest do bey stet Cayphas haws, dor inn
die jüden dem herren sein heiige äugen verbünden und ine sin- gen und verspien, und Petrus sein verlauget, und in dem selben haws ist ein capelle, dor inn ist der stein, der uft' dem grale Christi gelegen ist; ablas VII jare und Vll karenn. item ein gut
teyl Wegs ausserhalb des kirchofs uff die lincken haut abwartz zu gen an eynem ort, do ist dy stat, do sant Peter sein verlawgcn beweynet; ablas VII jare und siben karenn. [f. 59'] item zu
nest dobey kumpt man an die stat, do die jiiden unser lieben frawen leypp genamen und verprant wolten habenn, als man sie zu irem grabe trag; ablas VII jar und VII karen. item wer an der be- nanten stat oder in eyner nebe dobey ist, der sieht den bawm, doran sich Judas gehangenn, der ist noch "vün und stet an dem berg Syonn. item so get man dann wider uff dem bergk und kumpt uff den kirchoff Monte Syon und get uff dye lincken hant, do ist /u nest dye stat, do sant Steffan begraben ist worden; ablas VII jare und Vll karenn. item von dann nit verre an dem ecke der kir- chen do [f. 00] ist die stat, do das obentessen ist bereyt worden; ablas VII jare und VII karenn. item von dann get man ein cleynes verrer, do leyt ein stein, an der selben stat pflage unser lieber herre zu predigen; ablas VII jar und Vll karenn. item so get man eyn wenig ferrer, do ist ein cleyner gcrunter stein, an der selben stat pflage unser liebe frawe unsers lieben herren predig zu horenn; ablas VII jare und VII karenn. item so
get man dann ein cleynes ferrer bis zu dem ecke der kirchen, au
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunher. 41
der selbenu stat pflag unser liebe frawe ir heymlich gebeth zü- verprengenn; ablas Vlljare und VII karenn. [f. 60'] item
das closter Monte Syon leyt uff ein armestschus/ auszwendig der stat Jberusaleni. item an dem wege von Monte Syon in die
stat sein Jhcrusaleni uft" die recbten hant ist ein krichiscbe kir- eben und in der selben kivchen stet ein cleyne cappellen, an der selben stat warde sant Jacob der grosser enthaubt; ablas VII jare und VII karenn. item ein gutteyl wegs von dann ufF der selben seyten stete ein bebe mawr, an der selben stat ersehein unser lieber berre den dreyen Marien; ablas Vlljar und siben karenn.
Hetleliem.
[f. 61] item l^etlebem leyt zwu teutseh meyl von -Jlieiusalem, do hin reyten dye bilgerim und ufF balbem wege leyt ein gerun- ter stein, an der selben stat pleyb der sternn, bis das dye heiigen drey konig von Jberusalem kamen, und leuchtete in wider bis gein Bethlehem zu der gepurt unsers lieben herren, und sein dreye brunnen do entsprungen gewest, aber ytzund sein sie ver- sigen; ablas VII jare und VII karen. item verrer gein Betle- hem warts do ist ein kircli gestanden ufF die lincken bant, dy ist ytzund zubrochenn, an der selben stat ofFenbart der engel den hirten inisers lieben herren gepurt und sungen do »Gloria in ex- celsis«, do selbst auch Eustochia et [F. 61'] Paula etliche zeit ir wonunge gehabt; ablas VII jare und VII karenn. item aber
neben gein Betlehem ufF die rechten hant ist die stat, do das haws des propheten Heylias ist gestanden. item dornach ist
die stat, do der engel Abakuck mit dem essen bey dem bore geyn IJabilouia zu Danieli Furt. item darnach ist das haws, das
.Jacob bawet, do er von Mesppotamia zoch und sich vor Esaw sei- nem bruder Forcht. item darnach ist die begrebnusz Racha- helis, die do starb, als sye Benyamyn geberen solt. item so kumpt man gein Betleb em in unser lieben Frawen (F. 62) kir- chenn, die sant Helena zu mol kostenlich und schon gebawet hat, und get mit der procession in den creutzgangk und get ufF die lincken hant abwartz bey XX stafFeln i) in ein vinster cappell, und ufF der lincken hant stet ein altar, dorhinder leyt sant Jero-
1] Vgl. CONRADY H4.
42 Reinhold Röhricht,
nimus, ilei ilye krichischen bvbell zu lateiu gemacht hat; applas VII jare und VII kaienu. item so get man dann aus der ge-
nanten cappellen in die grossen kirchen uft" die rechten hant neben den hohen altar, do stet ein deiner altar, an der selben stat Avard unnstr lieber heire besniten; applas und Vergebung aller sunde. item so get man dann uff dy anderen seyten des
hohen altars, [f. 62'] do stet auch ein kleiner altar, au derselben stat legten dye heiigen drey konig ir gewant und das opfFer von in und bereyten sich do unserm lieben herren das opffer zu brengen; ablas VII jare und VII karen. item zu nest dobey
uff der gerechten hant get man ab bey zwelff staffeln abwartz in ein vinster capell und zu nest uff'dy lincken hant do stet ein altar, und dor under uff der erden stet eyn loch, an der selben stat ward unser lieber herre geboren ; applas und Vergebung aller sunden. item neben dem benanteu altar und zu nest dobey
uft' der rechten hant als in eyner abseyten, do stet ein deiner altar, und vor dem selben altar als imter eynem stein, [f. 63] do ist die stat der krippen, dorein der herre in seiner gepurt für dy ochssen und esel gelegt was; applas und Vergebung aller sun- den. item zu hinderst in der selben cappellen in dem winekel uff der rechten hant, do stet ein gemutzt loch in einem stein, an der selben stat verswant der stern, der den heiigen dreyen koni- gen geleucht hett, als sie das opffer unserm herren brochten; applas VII jare und VII karen. item so ist auch ein krüft do, dorinne ligen dye unschuldigen kinder, die Herodes bot lassen döten, dorein bedarf man uit offenbarlich gen vor den heyden, was applas do ist, das weisz ich nit^). item do selbst hinder
[derr] [f. 63'] der kirchen gein orient warts uff' ein stein würff ist gestanden dye kirch sant Niclas, und dor innen sein die greber sant Paula et Eüstochia; ablas VII jare und VII karen. item do selbst ist auch ein cappell gewest, do der engel Joseph und Marie vermant Jesum vor Herode in Egiptum zu flihen oder Höhen. item doselbst ist die begrebnusz der zwellff pro-
l)heten. item do bey ist die stat, do David Goliam mit der
sleüdern döt warft". item als man die heiigen stet besucht und begangen bot, so plibt man über nacht aldo. zu Betlehem ist eyn schon kirch mit vil mermelsteinen wol geziert und ist weytt
1) Vgl. COMiADY 144, 219, 265—266, TOBLER, Bethl. 180 ff.
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. 43
[f. G4] und langk und mit bley gedeckt gewest, und die briider von Monte Syon dye liabenn es innen und halten den bilgeratn do messe, an der stat do der hcrre Christus gehorn ist worden, an der selben stat hon ich messe gehalten am samstiig nach ad vincula Petri LXX" (4. Aug.), und was aussen umb die kirchen ist das ist gantz zerbrochen, und Bethlehem dy stat ist gar grosz und schon gewest und wol erbawet und ytzund gantz zerrissen und zerbrochenn.
Ad montana Judee.
item darnach reyt man au das gepirge Judee zu Zacharias haws, dohin ist ein [f. 64'! tcutschc meyle von Betlehem, und kümpt an die stat, do hin Maria in das gcpirg zu Elisabet ging; aplas VII jare und VII karenn. item an der selben stat macht unser liebe frawe das magnificat; applas VH jore unnd VII ka- renn. item an der selben stat macht Zacharias das benedic- tus; applas VII jare und VII karenn. item darnach ufF ein armestschusz ist ein kyrch uff der rechten hant, do get man undersich abwartz bey zwelf staffeln i), do stet ein altar, do selbst ist sant Julians der Tauffer geboren worden; aj)plaz und Ver- gebung aller sünden. item nit weyt dovon ist der [f. 65] brün- nen, do Philippus denn Eunuchum daufft, do von daz ewange- lium sagt. item in der obgenanten kirchen ist der stein in der mauren, do Herodes die kinder liesz döten, do flöhe Eliza- beth mit irem kinde Johanni bis zu dem stein, do tette sich der stein auff und sye verbarg das kint dor innen so lange, bis die kinder getodt worden; ablas VII jare und VII karenn. item darnach als weyt bis uff zwü welisch meyle geyn Jherusalem warts do stet ein schone kirch2), dye halten dye kirchen innen, und bey dem hohcnn altar dor under ist ein loch, do ist das holtz gewachssen, darausz das heylig kreutz gemacht ist worden; app- las [f. 65'] [applas] VII jare und VII karen. item do bey uff zwue meyl ist dy wüste kirch und brunne, do sant Johans der Tauffer in seiner jugent hin zohe und vater und muter do ver- liesz und ettliche zeit do wonet und darnach zöge er an den Jordan, und so man die stete besucht hot, so reyt man gein Jherusalem und pleybt über nacht in dem tempel.
1) ToBLER, Topogr. II, 3G8 gibt dieselbe Zahl.
2) Hier sind einige Worte ausgefallen,
44 lleinhold llöhricht,
ZU dem Jordan.
item darnach sytzt man zu Jherusalem uff die esel und reyt gein dem Jordan, do hin von Jherusalem YIII teusch (deutsch) meyl, und uti' halbem wcge do ist das rot ertrich i), do hin flöhe Joachim, unser lieben [f. 6ü] frawen vater, als er im tempel ver- smecht ward, und darnach kumpt man gciu Jhericho, do
Cbristus bey Zacheo herberg gehabt hot und do dem plinden, der do schrey: »Jesu fily David, erbarme dich über mich!« den ge- sehend macht, do ist vor zeyten ein grosse stat gewest, und ist nu ein arm doiif wordenn. item darnach kumpt man zii dem Jordan, dor inn unser lieber herre getaufft ist wordenn von sant Johannsen; do ist applas und Vergebung aller sunden. item
der Jordan ist diefF und still, und sein stecken dorein geslagen, so die bilgorim dor inn baden, das [f. 66'] sie für die selben steckenn nit gen sollen, den vil leüt dor inn ertrincken. item das döt mere leyt zu nest dobey uff" die rechten hant, do die stet Sodoraa und Gamorra und das laut doselbst versuncken und undergangen sein, dor inn ist kein lebendige creatür, so ist auch das wasser zu nicht zugeprauchen, und ist das laut dorumb un- fruchtpar. item zwischen dem Jordan und Jericho leyt ein
kirch, do sanctus Johannes der Tauffer gewont hat, item über den Jordan leyt dy Avuste, do Maria Egiptiaca innen gewont hat, und doran (?tcst das hoch arabisch gebirge. item doselbst ist der bergk, do [f. 67] Moyses auff ging und sähe das ertrich, das im verhcysscn was, item do selbst sein die Juden über den
Jordan kummen und haben zwelff" stein gelegt.
item darnach reyt von dem Jordan zu dem berge und wüste Uuarentana^)^ dorutt" unser herre viertzig tag geAist hot, dorunder flüszt ein baoh, der ist vor zeyten vast versaltzen und bitter ge- west, als das mere, den hot Heliseus von got erbeten, daz er ein süsser guter bach ist worden, bey dem selben bach stenn grosse dicke bawm, dorunder thun sich die bilgerym nyder und ruwen und essen, und darnacli get man den hohen bergk auff* und
•) Terra rossa, Addummim, zwischen Jerusalem und Jericho; vgl. Soll- weck zu Gi(iLiN(ii;K llü; Toülku, Topogr. II, 507.
-) Der Bericht über diesen Besuch ist um so wertvoller, da der Ber<» von den Pilgern ziemlich selten bestiegen wurde [Sevv, Jerusalem I, 134 tf goLLWECK, GlGLINOKR 14^—14«).
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. 45
kunimet [f. 67'j ia ein cappellen in einem steyn in velse die ist schon gewelbet und gemolet und mit golde vcrgult und hübsch geziret gewest, do selbst bot unser lieber herre die virtzig tage gefast; do selbst ist applas und Vergebung aller sunde. item
ober der genanteu cappellen stet mer ein wolgczirte capell, dor inn unser lieber herre auch dye zeit gewonet hat. item ob
den genanten capellen uft" der hohe do stet ein gevirte capell an der stat, do der hose veindt unsern herren versucht, dorein pflegen dy bilgerim selten zu gen von der grossen hitze und müde wegen; dorumb ist der aplas derselben [f. 68] capellen herab in dy unte- ren cappellen gelegt, do von bot man applas VII jar und VII karenn.
item dornach reyt geln Betonia, das leyt zwu welisch meyle von Jherusalem, do ist ein schone wonung gewesen, und ist nu alles zerstört, doch so sihet man noch die mewre an Marthe Marie Magdalenc und an Lazarus hausz, die gar schon und lustig ge- west sein; und an der stat yeder ist applas VII jave und VII ka- renn und Vergebung. item do Lazarus haws gestanden ist, do ist ein schone kirch gestandenn, und so man dorein kümpt uft' die rechten haut do stet das grab dor inn Lazarus begraben ge- legen ist. do ist applas [f. 68'] und Vergebung aller sunde. item zu hinderst in der selben kirchen do stet ein altar uff der lincken hant, an der selben stat stuud unser lieber herre, als er den La- zaruni von dem tode erquickt (erwecket); applas VII jar und VII karen. item hinder der genanten kirchen ist ein vier-
eckicht haws gestanden, dor inne Symon der auff'setzig gewont hat, dor inne pflag der herre oft't zu essen, wann er zu Jherusa- lem geprediget hett, auch vergäbe unser lieber herre doselbst der lieben Marien Magdalena ir sunde, als sye im mit iren zeharen sein fusse wusch; applas VII jare und VII karenn.
item darnach so reyt man [f. 69] wider gein Jherusalem, und uff die nacht get man wider in tempel des heilgenn grabs'), dor inn pleibt man die nacht, und yederman sust dy heiigen stete in dem tempel nach dem er andacht bot, und des morgens fru singet man und liset messe und verdynt den applas, darnach get man wider ausz dem tempel in das spital, und die hcyden slyssen den tempel wider zu.
1) Es ist merkwürdig, daß der Verfasser nichts von einem Eintrittsgeld erwähnt, das die musliniischen Aufseher erhoben (R. 68, Note 252).
4() Reinhold Röhricht,
In dem tal zu Ebron*). item in dem tal zu Ebron ist die stat, do Abraham drey (Engel) Sache und eine anbette. item die stat Ebron, dor inn
unser altveter Abraham, Saro, Isaack, Rebecka, Jacob [f. OO'] und Lya begraben sein. item do ist die si)elunck, do Adam be-
weynet seinen sun hundert jare.
Zu Nazareth und dorumbe.
item bey Nazaret ist die stat, dohin sant StefFan am ersten begraben wardt. item do ist die stat Neopolosa, das ist Sichar, do seyn begraben die geheyne Joseph, die ausz Egipten gefurt sein worden. item do leyt die stat Sebastem, in der wart ent- haupt sant Johans der Tauffer im kerker. item das castell, in dem der herre Christus zehen aussetzig reynigt, [f. 70] item
do selbst weyter ist die stat Naym, do unser herre den sün der witwe erweckt von dem tode, item die stat Anathot, do Jhere- mias geboren wardt. item dy stat Silo, do dy arch lange zeyt stund. item die stat Helisey und Abdie der propheten, do sie begraben sein worden. item do ist die stat Cana Galilee do
der herre Christus wasser zu wein wandelt ufF der hochzeit. item do selbst furbas ist der bergk Thabor, doraufF sich Christus der herre verclert vor seinen jüngeren; do ist Vergebung aller sunde. item do bey ist die stat Bet- [f. 7 0'] sayda, dovon
Petrus und Andreas geporen sein, item do ist die stat Caphar- naum do Christus unser herre vil wunder zeichen geton hot. item dye stat Tybarias, do Cristus unser herre erweckt von dem tode die dochtter archisinagogi. item darnach ferrer ist der
bergk, do Christus fuiiff' tausent menschen setigt von funtfbroten und zweyen fischen und nam do Mathenm vonn dem zolle, item do selbst ist dy heiige stat Nazareth, do der engel unser lieben frawen verkundii^t den englischen grusz; do ist ver- gebunge aller sunde. item do selbst ist der pergk [f. 71] Li-
])anus von dem zwcn schon brunnen fliessen, genant Jor und Dan, und die flissen in ein ander, und doraus wirt der Jordan. item nit weyt dovon ist eyn bergk, do leyt die stat Saphet, in der Olo- fernes gedot ward durch Judith, item dobey ufF der ebne ist
die zistern, dorein Joseph von seinen brudern geworfFen ward,
>) Hier folgt wieder ein Abschnitt aus dem »Pilgerführer«
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. 47
als sye in verkauffttenn. item do selbst ist der bergk, doras
dy jiidon Christvim Avolten geworffen haben, und sich der berck auffdet und der herre dordurch ging. item do bey ist ein ander bergk, do der herre speyset vier tausent menschen [f. 71') von VII broten. item do leyt die stat Thin»), do Christus der
frawen Cananey dochter gesunt macht. item do bey leyt die
stat Sid(mis, do die selbe frawo sprach: »Selig ist der leib, der dich getragen hat!« item dobey nohen ist das mere gena-
/areth, do der herre Christus den besessen erloset von dem bösen feynde und die boszen feinde liesz faren in die sewe, die sich alszbalde alle do ertrenckten.
Zu Damasco.
item nohen bey der stat Damasco ist Christus unser herre erschin sant Paulo, als er dy cristen verfolgen woltt und sprach zu im »Säule, Säule worumb verfolgstu mich?« [f. 72] item
in der stat mawr do selbst [do selbst] ist das loch, dor durch sant Pauls in eynem korbe gelassen warde. item do selbst ist das haüsz Ananie, dar inn Paulus gedaufft warde, item auszwen- dig der statt leyt ein kirche, die ist in der ere unser lieben frawen gcbawet worden, an der selben stat hat Noe die archen gemacht durch das gebot gottes.
Zu Barüth.
item zwue meyl von der stat Baruthi, do ist die statt, do sant Jörg den drachen dott und erloset des koniges dochter der selben stat und bekert den kunig mit [f. 72'] allem seinem volk. item do bey nohen ist die stat Sarepta, do die witwe Helian den Propheten speyset. item do selbst ist mons Carmeli^], do Heylias Ileliseus und ander propheten in der buesz sein gestan- den, und do ist angchaben der ordo unser frawen bruder. item dobey ist dy stat Achan^), do der Heuser herreu orden am ersten ist angefangen, dye ytzund zu Eodis wonen, und do selbst ist die stat, do der fisch Jonam den propheten verslande. item nohen
1) Zu lesen ist Tyri nach Coxrady 162.
2) Vgl. den »Pilgerführer« bei Coxrady 163.
3) Gemeint ist Accon (Conrad Y 163 — 164).
48 Keinhold Röhricht,
dobey ist Cesaria, do saut Peter dauft Cornelium. item dye barssen herren saut Beuedicten ordens^j dy haben [f. 73] ein closter in der stat zu Baruthi.
Zu dem berg Synay und daruinbe^).
item zu dem ersten kunipt man zu der stat Gason (Gaza), do Sampson das balaciuni (Palatium) umb warfF und sich und dy furster der Pbilistiner dor under dötte, item darnach ist die
stat, do Moyscs sähe den busch brunnen, und der busch verzert sich doch nit. item uff dem lieilgcn berg Sinay leyt der heiige leichnam sant katherinen begraben, item iifF dem selben
berge gab got Moysi dye zehen gebot. item an dem orte do selbst ist dye stat, do got sprach zu [f. 73'] Moysi: »kum, ich sende dich zu Pharaoni, zu erlosen das volk von Israel.« item
in dem tal zwischen dem berg Oreb und dem berg Sinay leyt der steyn, dorausz Moyses den kindern von Israeli wasser gäbe, item nicht weyt dobey über das rote mere ist dye kirche sant Anthonigs und sant Pauls des ersten einsydels etcet.
Am donerstag in vigilia Laurencii (9. Aug.) umb vesperzeyt reyten wider zu Jherusalem ausz und kamen gein Rama am frei- tag frue. und am samstag nach mitternacht (11. Aug.) riten wir [f. 74] zu Rama ausz und kamen am sontag zu morgen (12. Aug.) essens zeyt gein Jaffa und füren alszbalde in die galcn.
und darnach am dinstag fru (11. Aug.) füren wir zu Jaffa aus und kamen uff freytag (17. Aug.) geyn Salina, an dye inseln zu Zippernn, aber den konig von Zippernn het bey dem leben verpoten, das man un&zer kein au das laut solt lassen, also plie- ben wir do ligen uff der galen bisz ufl" dinstag frue (21. Aug.), do füren wir ausz und kamen gein Rodisz an der mitwochen nach Egidi {;■}. Sept.) frue und mit erbeyt erlangten \Yir, das man uns zu Rodisz in die stat liesz, denn sie betten erfaren, das unser vil gestorben waren.
und am donerstag nach [f. 74'] nativitatis Marie (13. Sept.) umb mittage füren wir zu Rodisz wider ausz und kamen am
') Observanten nach CONRADY 103.
-) Auch dieser Abschnitt ißt aus dem »Pilgerführer« nur verkürzt.
Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner. 41)
doueistag in vigilia Miithey frue (20. Sept.) geiu Caudiu und fureu alszl)aldo aus der galen in die stat und lagen in dem spital zu herberg; und an der mitwoch nach Matliey zu mittage (2ü.Sept.) füren wir wyder zu Kandia aus und kamen uff sontag zu abet (30. Sept.) utf das mere bey der inseln Milo, die man in actibus nennet Mittilena^), dy leyt I C raeyl von Candia, und das mere was so ungestüme und der wint uns so wider, das [das] wir in dye porten der inseln anfaren müsten^ und der inseln sein drey und ligen hart bey einander und ligen in [f. 75] der ein inseln zwey slosz und ein stat und habenn gehört zu dem keyserthum gein Constantinopel und wen sant Helena frolich wolt sein so füre von Constantinopel in die inseln, und die Venediger habenn die innen und dem keyserthum abegezogen, und disz ist die insel, dorein sanctus Paulus kam, als er gein Rome für den babst^) appellirt und man in geyu Rome gefangen schickt, do zu brach das schifi' bey der inseln«*), und er halff in allen mit im ausz und kamen in die obgenanten inseln, und des abents sassen sie bey dem fevvr, do beysz in ein slange in ein arm, das er im geswal; do sprachen sy [f. 75'] alle: »das ist ein unselig mensch, der im mere ausz kumen ist und stirbt hie von einer slangen«, also be- greiff sant Paulus die slangen und warff sie in das feure, do glaubten sy an yn, und ist an der selben stat ein kirch in der ere saut Pauls gebawet.
und uff dinstag (2. Okt.) füren wir zu Milo wider ausz und hetten Nygrapont und Constantinopel uff dye rechten haut ligen uff II C welisch meylen und wir gewarnet das dye Turcken neu- lich vor unns mit dreyen fusten [fiista, Schiffsart) zu Milo an der inseln wem gewest, und wir kamen gein Madün (Modon) uff frey tag (5. Okt.) umb mittage und plieben uff der galen und füren nicht [f. 76] in die stat und noch mitternacht füren wir wider an und kamen uff montag nach mitternacht (8. Okt.) gein Korfu und plieben die nacht in der stat und uff dinstag (9. Okt.) füren wir wider an und kamen uff Mitwoch nach Galli (17. Okt.) gein Pareutz in die stat, dye leyt hundert meyle von Venedig, und ist der Venediger und leyt in windischem lande und ist ein bis-
1) Vgl. oben S. 24 Anm. 5.
2) Kaiser!
8) Vgl. oben S. 24. Zoitscbr. d. Pal.-Ver. XXIX,
50 Reinhold Röhricht, Die Jerusalemfahrt des Kanonikus Ulrich Brunner.
tum. lind wir mästen winds und ungewytters halben do pleyben bi^z litt' freytag (lU. Okt.) zu mittage, und der patrou doifft mit der galen nit gein Venedig faren, und wir sassen am freytag zu mittag in eyu barchen und füren durch das Canal und kamen am sontag (21. Okt.) zu mittag geyn Venedig.
[f. 76']. am donerstage nach Cohimbam (2"). Okt.) füren wir zu Venedig ausz gein Meisters (Mestre) und sassen do ufF mer- terer iMaultiere) und ryten gein Terfis (Treviso) und plieben dy zwu nacht aklo, und am samstag in vigilia Simonis et Jude (27. Okt.) riten wir zu Terfis zu mittag ausz und kamen uff dye nacht gein Gewer i) IIIIV2 nieyl teutsch, und uff sontag Simonis et Jude (28. Okt.) ryten wir zu Gewer aus und kamen gein Vei- ters (Fcltre) II meyl und mochten vor wasser nit weyter gereyten und uff montag (20. Okt.) zu nacht kamen wir gein liurga (Borgo) und utf dinstag zu nacht gein Trint (Trient) und uff mitwochen in vigilia omnium sanctorum (31. Okt.) kamen wir gein kal- ter(re)n2) (Kaltem) vier meyl und in die omnium [f. 7 7] sancto- rum (1. Nov.) kamen wir geyn Merann (Merau) IUI meyle.
Drei Viertel des Blattes 77 sind Aveo^ofeschnitten sowie die
OD
zwei folgenden Blätter 78. 79. Doch brach die Handschrift wohl an dieser Stelle ab, da zwischen der letzten Zeile und dem Schnittrand ein noch ziemlich breiter freier Raum vorhanden ist.
1) Das alte Quer, 20 Meilen von Treviso, 7 von Feltre, jetzt Quero, Eisen- bahnstation 11 km 8. von Feltre (Herr H. Baedeker).
2) Im Manuskr. Kalter'n.
ertsduTft d DeulschPix PalAstnxa -Vereins , Bd. XXrc
Tafel I.
Chirbet el -jehüd .
Ai if g e 1 lo n aiLen voll Pasl . prtiu . E .Z ickcrmaim , Bi'cslai l.
LiUi-AiiKlv
In IvomniiKsioii bei K.Ba(iclpkei-,Lei])zig.^^"S'^^^^'^'^'''-^'"P'^^8-
Studien aus dem Deutschen evang. arcliäolog. Institut
zu Jerusalem.
7.
ChirLet el-jeliiid (bettir).
Von Pastor prim. E. Zickermanii in Breslau. (Vergl. hierzu Tafel I.)
Chirhet el-jehüd ist der Name einer Örtlichkeit in der Nähe des jetzigen Dorfes hetür. Sie wird heute ziemlich allgemein mit dem berühmten heth-ier identifiziert, in welchem einst unter Hadrians Regierung der letzte Eest des jüdischen Volkes unter Simon mit dem Beinamen »Barkochba« den Römern heldenhaften Widerstand leistete. Bereits Ritter (Allgemeine Erdkunde Bd. XVI S. 42SfF.) vertritt diese Ansicht und beruft sich dabei auf Williams, Avelcher vor kurzem in chirhet el-jehüd die Ruinen der alten Feste heth-Ur wieder entdeckt habe. Ihm folgen, diese Identifizierung teils mehr, teils weniger begründend, Tobler (Dritte Wanderung durch Palästina S. 101 ff.), v. Raumer (Palä- stina S. Iii9), Sepp (Jerusalem und das heilige Land S. (547 — 50), Derenbourg [Histoire de la PaJeatine S. 431), GuERiN [Judee II S. 387 ff.), The Surveij of Western Palestine (Bd. III S. 20), ScHLATTER (Zur Topographie und Geschichte Palästinas S. 135 ff.). Buhl (Geographie des alten Palästina S. 165), Schürer (Ge- schichte des jüdischen Volkes S. 693ff.), YiGo\i'RO\5x[Dictionnaire de la bible Bd. II S. 1681ff.) u. a. Allerdings ist. dieser Ansicht auch widersprochen worden, und man hat die Stadt Barkochbas an anderer Stelle suchen wollen. Robinson (Neuere bibl. For- schungen in Palästina S. 349 ff.) weist z. B. jene Annahme schroff von der Hand und erklärt es für eine Unmöglichkeit, daß auf der Höhe nordwestlich von betfir eine starke und volkreiche Stadt gestanden habe. Er glaubt das aus dem gänzlichen Fehlen von Befestigungsresten und von Zisternen für die Wasserver- sorgung der Bewohner schließen zu müssen und sucht wahr-
Zeitschr. d. Pal.-Ver. XXIX. 5 •
52 E. Zickermann,
scheiulich zu machen, daß hethel und heth-tcr verschiedene Na- men für denselben Ort sind. Mehr Anklang hat eine andere Meinung gefunden, die schon von Reland (Palästina Bd. II S. 639 — 40) ausgesprochen ist, daß nämlich beth-ler gleichzusetzen sei mit dem später oft erwähnten Dorf Bethar zwischen Caesarea und Diospolis. Neubauer [La geographie du Talmud S. 103 — 114) sieht heth-ter in heth-schemesch, sucht aber letzteres nicht an der «gewöhnlichen Stelle, sondern bei dem heutigen bettir^ stimmt also ei<'entlich mit der ersterwähnten Ansicht überein. Daß Lebrecht in seiner Monographie über beth-tcr die Hypothese aufstellt, daß mit heth-ter das in Galiläa belegene Sepphoris ge- meint sei, möge wenigstens erwähnt werden.
Woher diese große Verschiedenheit in den Ansichten ? Die Möglichkeit eines so umfangreichen Für und ^^'ider in der Frage der ()rtlichkeit des alten heth-ter scheint mir ihren Grund in der Dürftigkeit der Nachrichten zu haben, die über den Aufstand des Barkochba überhaupt und über die Lage von heth-ter ins- besondere uns erhalten geblieben sind. Für letzteres kommen eigentlich nur Eusebius und der Talmud in Betracht. Nach Eusebius [Uist. eccl. IV, 6) war heth-ter nicht fern von Jerusalem gelegen, eine feste Stadt, also doch wohl nicht in der Ebene, sondern im Gebirge Juda zu suchen. In der rabbinischen Lite- ratur ist eine Angabe über die Entfernung von hetli-ter bis zum Meer vorhanden, aber diese Angabe differiert in ihren verschie- denen Rezensionen. Der jerusalemische Talmud gibt die Ent- fernung auf 40 milia passuum an, der Midrasch auf 4, der babylo- nische Talmud gar nur auf eintausend römische Schritt (Neu- b.\uer a. a. O.).
Es ist nicht zu verwundern, daß diese dürftigen, teilweise sich sogar widersprechenden Angaben für mancherlei Vermutun- gen und Hypothesen Spielraum lassen, je nachdem man der einen oder anderen Notiz über die Lage von heth-ter gerecht werden möchte. Wo aber liegt die größere Wahrscheinlichkeit ? Euse- bius' Angabe zu mißtrauen liegt kein Grund vor, und sie muß wohl oder übel bei der Bestimmung der fraglichen Ortslage be- rücksichtigt werden. Mau kann sich schon aus diesem Grunde kaum der erwähnten Hypothese Leürechts anschließen, daß das ferne Sepphoris mit het1i-t?r identisch sei. Unter den Angaben des Talmud scheint mir die des jerusalemischen am meisten
Chirbct el-jchüd (bcttlr). 53
Glauben zu verdieueu. Die Verfasser desselben schrieben aus eigener Anschauung; sie kannten die ()rtlichkeit, von der sie berichteten, nicht bloß vom Hörensagen, wie es wahrscheinlich in Babylon der Fall war. Es wird berichtet, das Blut der Er- schlagenen sei bei der Eroberung der Stadt bis ins Meer geflossen. Das Übertreibende und Unglaubwürdige dieser Nachricht wollte man wohl mindern und mildern, indem man die Entfernung be- deutend reduzierte; eine Kritik war ja kaum zu befürchten.
Wenn wir nun beide Angaben, die des Eusküius und die des jerusalemischen Talmud, ?L\\i cJiirbct el-jehüd beziehen, so kann man sagen, daß dieser Ort denselben entspricht: einerseits liegt cJiirhet el-jchüd nicht fern von .Jerusalem, nur 11 km, und eine bei Jerusalem geschlagene und nun auf der Flucht befindliche Schar mochte sehr wohl in dieser unzugänglichen Felsenfeste ihre letzte Zuflucht suchen. Andererseits beträgt der Weg von cliirhet el-jehüd bis ans Meer wirklich fast 40 römische Milien, wenn auch die Luftlinie nur 31 mißt. Es kommt endlich als drittes, vielleicht als bedeutsamstes Moment hinzu, daß der alte Name an jener Gegend haften geblieben ist. Der Gleichklang des heutigen Dorfnamens hetür mit dem alten Ortsnamen heth-ter oder, wie Eusebius schreibt, Bii)i>rjp ist doch so auffallend, daß man nicht so leicht darüber hinweggehen kann, wie es von ver- schiedenen Seiten geschehen ist.
Allerdings wird, wie mir scheint, nux eine eingehende, gründ- liche Untersuchung des Ruinenfeldes von chirhet el-jehüd die endgültige Beantwortung der Frage ermöglichen, ob wir hier wirklich die Stätte des alten heth-ter vor uns haben. Bis jetzt ist darin nur wenig geschehen. Soweit ich sehen konnte, beruhen die meisten Ausführungen nur auf flüchtigen Besuchen des Ortes und sind deshalb wenig ausführlich. Nur etwa Guerin und Sepp bieten etwas mehr als die übrigen. So wird es nicht als eine überflüssige Arbeit angesehen werden können, wenn ich im Nach- folgenden eine kurze Darstellung des tatsächlichen Befundes gebe, wie er sich mir bei mehrmaligen Besuchen von chirhet el- jehüd bot; vielleicht kann dadurch die vielumstrittene Frage ihrer Lösung einen Schritt näher gebracht werden.
Chirhet el-jehüd ist heute leicht erreichbar durch die Eisen- bahn, welche Jafa mit Jerusalem verbindet. Es liegt nämlich in unmittelbarer Nähe der Eisenbahnstation hetttr^ und in etwa
5*
54 E. Zickennann,
halbstündiger Fahrt hat mau die Entfernung von 12 km zwischen Jerusalem und betUr zurückgelegt. Schon vom Bahnhof aus, der in einem rings von bedeutenden Höhen umgebenen Talkessel liegt, erblickt man in südlicher Richtung die in halber Höhe der Herge gelegenen armseligen Häuser des gegenwärtigen Dörfchens beitir. das, wie gesagt, schon durch seineu Namen an jene Episode jüdischer Geschichte erinnert, durch welche Israel als Volk endgültig vernichtet wurde. Unterhalb des Dorfes ziehen sich in sorgfältig augelegten Terrassen Felder und Gärten am Bergeshang hin, die mit ihrem saftigen Grün ein seltener Anblick für den an palästinensische Verhältnisse Gewöhnten sind und ihn sofort das reichliche Vorhandensein von Wasser vermuten lassen. Man folgt vom IJahnhofe aus ungefähr 200 Schritt dem Bahnplanum, welches sich zunächst südwärts zieht und dann in scharfer Kurve gegen Westen und Norden wendet. Wo die Weiche die beiden Gleise des Bahnhofes wieder miteinander vereinigt, verläßt man die Bahnstrecke und steigt auf steilem, felsigem Pfad zum Dorf ie^^/r empor. Nach etwa 8 — 10 Minuten führt der Weg an dem ersten Hause des Ortes vorüber, einem arabischen Miniatur-Heiligtum, das mir von den Einwohnern als weil ahu zed bezeichnet Avurde. unmittelbar daneben fällt eine merkwürdige Felsenbildung auf, die übrigens in gleicher Höhe sich an verschiedenen Stellen des Tales zum Teil in ausgedehntem Maße zeigt. Durch Erosion hat sich ein weit überhängender Felsvorspruug gebildet, unter dem der Weg dahinführt. Gleich darauf vernimmt man das Rauschen eines kleinen Wasserfalls, und nach wenigen Schritten steht man an einer hirke von ziemlicher Ausdehnung, in welche plätschernd der Strahl einer kleinen Wasserleitung von oben herabschießt. Ich maß 22 Schritte in Länge und Breite bei einer Tiefe von ca. 2^2™- Durch einen gotischen Bogen von unbestimmbarem Alter, viel- leicht einem Rest aus älterer Zeit, führt der Weg unter der Lei- tung hindurch und dann neben ihr höher hinauf zu der Moschee des Ortes, über deren Vorhof die Wasserleitung zu einer über- wölbten Sch()pf8telle geführt ist. Die Leitung, welche offen zu Tage liegt und in einer in den Fels gehauenen Rinne besteht, eüdwestwärts längs einer eigenartigen, mächtigen Felswand ver- folgend kommt man an die eigentliche Quelle, die durch ihren Wasserreichtum bekannte \iin hdür. Sie fließt nach ihrem Aus-
Chirbet cl-jehüd (bettir). 55
tritt aus der Felswand zunächst eine Strecke von wenigen Metein durch einen bedeckten, etwa mannshohen und '■^^m. breiten Gang und kommt dann in einer ganzen Anzahl von Verzweigun- gen zu Tage. Die geradeaus friihrende Leitung ist sorgfältig von großen, behauenen Steinen eingefaßt, auf denen bereits Tojjleh (Wanderg. nach Palästina i. J. 1857 S. 102) eine Inschrift fand, ohne allerdings feststellen zu können, ob die Buchstaben grie- chische oder lateinische waren, weil der Stein, welcher die In- schrift trug, bereits damals sehr verwittert war. Nichtsdesto- weniger hat man sich weiter um die Entzifferung bemüht und meint, durch das Resultat einen neuen Beweis für die Richtigkeit der Hypothese erbracht zu haben, daß hier das alte heth-ter oder Bethar gesucht werden müsse [Archaeolocjical Researches in Pa- lestine by Charles Clekmont Ganneau I S. 4 63 ff.) i).
Von der Quelle führt der Weg auf Felsenstufen westlich, bald aber nordwestlich zur rhirhet eJ-jelnul selbst hinauf. Es sei hierbei gleich bemerkt, daß, wie eine erste flüchtige Orientierung von der Höhe des Berges aus bereits ergab, die Karte des Survey Western Palestine und demzufolge auch die ScHicKsche Karte der näheren Umgebung Jerusalems bezüglich hetür mehrere Feh- ler aufweist, wie denn überhaupt bei näherer Prüfung dieses an sich 80 dankenswerten Werkes vielfach sich die Notwendigkeit von Korrekturen in den Einzelheiten herausstellt. So ist auf der genannten Karte chirbet el-jelnid südwestlich von betür einge- zeichnet, während es in Wirklichkeit nordwestlich davon liegt. Die Eisenbahn scheint später auf der ScHicKschen Karte ganz
1) Clekmom Ganneau nimmt als wahrscheinlichen Wortlaut der In- schrift an:
. . S U M . . . .
. . MA R li . V.
ET VICTOR
CENTVR-VEXILL
LEG.V.MAC.ETXT CL Er entnimmt dem, daß die Kenturionen der V. \ind XI. Legion, der soge- nannten Macedonischen und Klaudischen, die Urheber dieser Inschrift seien. Nun steht geschichtlich fest, daß jene beiden Legionen Tvirklich zur römischen Besatzung Palästinas unter Hadrian gehörten. Aus der Anwesenheit der- selben bei hcttxr schließt er mit Sicherheit, daß hettir eben jener Ort ist, der im jüdischen Krieg unter Hadrian eine bedeutsame Rolle spielte. — Germer DuR.ANT löst die Inschrift etwas anders auf, kommt aber zu dem gleichen Schluß s. am gleichen Ort,.
56 E. Zickermann,
willkürlich ohne Kücksicht auf die wirkliche Trace eingetragen zu sein. A-uch in der Zeichnung der Wasserlilufe und Wadis wären einige Änderungen vorzunehmen. Die beigefügte Karte (Tafel I gibt ein ungefähres Bild der allernächsten Umgebung von cliirhet el-/i'/iüJ, ohne auf unbedingte Genauigkeit Anspruch machen zu wollen, da einige Entfernungen nur schätzungsweise von mir festgestellt werden konnten.
Nach ca. 20 Minuten erreicht man auf dem eben erwähnten liergpfad ein Felsplateau von bedeutendem Umfang in Höhe von 6S5 m, während die Höhe von hetflr 640 m beträgt. Dieses Plateau ist von dem höher gelegenen Teil des Berges im Norden durch einen breiten Graben mit steilen Felswänden geschieden, der vielleicht teilweise von natürlicher Bildung ist, aber in seiner durchaus regelmäßigen Gestalt mit ziemlicher Sicherheit wenig- stens auf die Nachhilfe durch Menschenhand schließen läßt. Es läßt sich schwer entscheiden, ob dieses Plateau in die Befesti- gungen des Ortes, der einst hier oben sich befunden hat, mit einbezogen worden ist oder nicht. Möglich ist es immerhin, daß man es tat, als der übrige, höher gelegene Teil des Berges für eine wachsende Zahl der Bevölkerung nicht mehr ausreichend Platz bot. Zudem macht der nord- und nordwestwärts gelegene Teil des Plateaus allerdings den Eindruck einer natürlichen Festung, indem der Fels mehrere Meter senkrecht abstürzt, nicht in gerader Linie, sondern in bastionenartigen Vorsprüngen. Es mochte auch für die Verteidigung der Festung wichtig und vor- teilhaft erscheinen, gerade an der Stelle, wo der Berg mit den Höhen der Umgebung im Zusammenhang stand und wo ein Zu- gang zu der unten befindlichen wasserreichen Quelle vorhanden war, eine Art Vorbefestigung einzurichten und damit eine Be- lagerung zu erschweren. Selbst nach Einnahme dieser südlichen > Unterstadt <^ aber hatte der Belagerer noch so gut wie nichts ge- wonnen, denn das Felsplateau, in dessen Besitz er sich befand, war vollständig von der ca. 20 m fast senkrecht über ihm liegen- den Zitadelle beherrscht (s. Abb. 1). Anzeichen ehemaliger Be- bauung dieses Felsplateaus sind allerdings nur in sehr geringem Maße vorhanden; zumal von den Mauern, die diesen Teil der Festung gegen Süden hätten schützen müssen, finden sich keine Spuren. Freilich fragt es sich, wo man eventuell diese Spuren suchen müßte. Die Grenze wird zuweilen sehr weit gezogen.
Chirbet el-jehud (bettir).
57
und man meint, daß '^ain hett'ir innerhall) der Befestigungen ge- legen haben müsse, weil sonst im Kriegsfalle die Belagerten leicht vom Wasser hätten abgeschnitten werden können (Skpp, Jeru- salem und das heilige Land I S. (i4S). Wer die Lage der cliirhet und der Quelle aus eigener Anschauung kennt, wird diese Ver- mutung kaum teilen können. Es würde sich eine Riesenstadt ergeben, die zwar zu den Berichten des Talmud über beth-ter paßt, die aber nicht geschichtliche Wirklichkeit gehabt haben kann; sie könnte unmöglich so spurlos verschwunden sein, weder
Abb. 1. Chirbet el-jehud von eä-dschurun aus gesehen.
vom Erdboden, noch aus den Blättern der Geschichte, ganz ab- gesehen davon, daß jene Berichte in allen Einzelheiten den Stempel einer ungezügelten Phantasie an der Stirn tragen.
Auf dem Felsplateau, nicht weit von dem erwähnten breiten Festungsgraben, befinden sich verschiedentliche Kelteranlagen, heut zum Teil als Zisternen benutzt. Eigenartig ist besonders eine darunter. In den Fels ist eine ebene Fläche von mehreren Metern Länge und Breite hineingearbeitet worden, die zum Treten der Trauben diente. An der nördlichen Seite dieser
58 E. Zickenuaun,
Fläche und unmittelbar am Rande des Felsplateaus befindet sich ein Sammelbecken von l : 1 [-^ m Größe und ü,Su m Tiefe. Genau darunter ist in der 2 m senkrecht abfallenden Felswand eine ()ff- nung von <t,Su m ins Geviert. Sie stellt den Zugang zu einer 1 m tiefen kleinen Zisterne dar, die ihr Wasser durch eine Fels- rinne aus dem Becken an der Oberfläche des Plateaus erhält. Heute benutzt man dieses Bassin als bequeme Schüpfstelle für die Bewässerung der in der Nähe belegenen Gärten; sicher aber hat es anfangs — dafür zeugt schon seine Kleinheit — nicht als Zisterne gedient, sondern hatte vielmehr den Zweck, den im oberen Becken geklärten Wein aufzunehmen; letzterer konnte dann von hier aus leicht in Gefäße geschöpft werden. Noch einige andere, mehr oder weniger gut erhaltene Gruben finden sich auf dem Plateau, die wohl dem gleichen Zweck gedient haben und die üblichen Merkmale von Keltern aufweisen. Um ihretwillen hat das ganze Plateau bei den Einwohnern von betfir den Namen ed-chchunin (die Becken) erhalten.
Von der beschriebenen Kelteranlage aus fällt der Blick auf die weite ()ffnuug einer Felshöhle, die etwa 200 m südwestlich davon liegt. Es handelt sich offenbar um eine Grabeshöhle, welche außerhalb der einstigen Stadt in einem überhängenden Felsen augebracht wurde. Der Eingang ist von unregelmäßiger Form und jetzt zum Teil mit großen Steinen versetzt, während er früher ebenso hoch war, wie das Innere der Höhle. Jetzt hat die Öffnung noch nicht ganz 1 m ins Geviert. Die Form des Inneren ist im großen und ganzen oval, 3,5 m lang und 2,7 5 m breit bei einer Höhe von 1,60 m. Längs der ganzen Rückwand der Höhle läuft eine Bank, die 0,50 m über dem Fußboden liegt und auch eine Breite von 0,50 m aufweist. Eine ebensolche Bank befindet sich auch an der vorderen Wand unmittelbar links neben dem Eingang. Nach Angaben von dem Besitzer des anstoßenden Grundstückes war die Höhle erst vor nicht allzulanger Zeit aus- geräumt worden, und der Schutt lagerte noch neben dem Eingang. Es fanden sich darunter noch ziemlich wohlerhaltene Menschen- knochen, wohl ein Zeichen dafür, daß dieses Grab nicht allein denen gedient hat, die es ursprünglich herrichten ließen, sondern auch späteren Generationen. Die ganze Arbeit, sowohl am Ein- gang wie auch innerhalb der Höhle, ist roh und einfach.
Von ed-dschurün führt ein Fußweg: nordwärts zunächst am
Chirbet el-jehüd (bettir). 59
Östlichen Eingang des vorhin erwähnten Festungsgrabens vorüber und steigt am Ostabhang des Herges alhnählich aufwärts, au einer ganzen Reihe von Höhlen vorüber, die zum Teil ganz außer- gewöhnliche Dimensionen aufzuweisen haben. Welchem Zweck dieselben gedient haben, ist nicht immer ganz klar: teils waren es Gräber, teils Zisternen, teils Ölpressen oder anderes. Gleich am Anfang fällt unterhalb des Weges durch den aufgesetzten steinernen schahid das Grab eines Schechs auf, ein jüngeres, aus unbehauenen Steinen roh gefügtes, fast quadratisches Bauwerk, das sich an den steilen Fels anlehnt. Die Länge der Vorderfront beträgt 3,25 m, die Höhe 2 m. Die Tiefe am oberen Hand des kleinen Baues beträgt wenig mehr, als 2 m. In den Wänden sind einige bearbeitete Steine aus älterer Zeit mitverwandt wor- den, die über 1 m lang und 0,5 m hoch sind. In der Mitte der nach Osten schauenden Vorderwand befindet sich der aus drei großen, behauenen Steinen gebildete Eingang zum Grabe, 0,5 ra breit und 0,75 m hoch. Der Raum, den man zunächst betritt, ist fast genau kubisch gestaltet, ca. 2 m in Länge, Breite und Höhe. In den beiden Seitenwänden fanden sich 0,25 m tiefe Nischen in Höhe von 1,30 m über dem Erdboden und in ihnen fand ich verschiedene, dem verstorbenen Schech geweihte Lampen und Olkrüge. Es stellte sich alsbald heraus, daß als letzte Ruhestätte für den Schech von seinen Angehörigen ein antikes Grab gewählt und hergerichtet worden war: die Rückwand des Anbaues näm- lich war gebildet durch die Felswand mit dem Eingang zu einem alten Grabe von verhältnismäßig sorgfältiger Arbeit. Der ur- sprünglich schräg aufgehende Fels war so weit weggeschlagen, daß eine senkrechte Wand von 2 m Breite entstand, 0,25 m vom Rande, d. h. von oben und von den beiden Seitenrändern, ist diese Fläche um 0,15 m vertieft worden. Am unteren Rande in der Mitte ist die Eingangsöffnung zum Grabe, nur 0, 10 m im Geviert messend, so daß der Zugang nicht ganz leicht ist. Die eigentliche Grabeshöhle ist regelmäßig gearbeitet, 3,10 m lang, 2,60 m tief und 1,60 m hoch. An der Rückseite ist eine niedrige Bank von 0,90m Breite. Das Grab ist vollständig leer, die Wände weisen keine Zeichen und Inschriften auf.
Etwa 15 m nördlich von diesem Grabe befinden sich zwei weitere Höhlen unmittelbar nebeneinander. Die südlichere ist fast vollständig verschüttet. Es läßt sich eben noch bemerken,
ßQ E. Zickermaun,
daß die Grabanlage eine größere, und daß sie von sorgfältiger Arbeit war. In den schrägen Fels hat man einen Einschnitt von 2,25 m Breite gemacht, um eine senkrechte Wand für den Grab- eingang bzw. eine ebene Fläche vor demselben zu gewinnen. 1,50 m von ihrem oberen Rande ab ist die llückwand noch sicht- bar, der untere Teil ist vom Schutt verdeckt. Merkwürdiger- weise befindet sich nun aber der Eingang nicht, wie man er- warten dürfte, an der großen Fläche der llückwand, sondern an der rechten dreieckigen Seitenfläche des Felseneinschnittes. Gerade die Oberschwelle des Einganges, deren gute, saubere Arbeit auffällt, ragt noch über den Schutt hervor und läßt eine lichte ()ftnung von 0,60 m Breite erkennen. Die Entfernung des Einganges an seiner Oberkante beträgt von der inneren Ecke 0,35 m, von der schrägen Außenkante 0,80 m.
Nur durch eine Wand von 1,20 m Stärke von der eben be- schriebenen Anlage getrennt befindet sich eine zweite Höhle von roherer Arbeit. Sie ist 3,60 m breit und 3 m tief und ganz un- regelmäßig in ihrer Form. Sie erwies sich als stark mit Geröll angefüllt, namentlich in der Nähe des Einganges, der sich in- mitten einer Fläche von 3,25 m Breite und 1,40 m Höhe befindet. Möglich ist, daß diese Höhle zu der vorerwähnten Anlage gehörte oder wenigstens mit ihr in Verbindung stand. Wenigstens läßt die oben beschriebene Lage der Eingangstür in der schmalen Scheidewand diesen Gedanken aufkommen; der jetzige Eingang wäre dann jedenfalls später hergestellt worden. Leider ließ sich wegen des Gerölls der vermutete Zusammenhang nicht nach- weisen. Ist er nicht vorhanden, so müßte der Eingang zu der ersten Höhle ganz eigentümlich gestaltet gewesen sein : unmittel- bar hinter der Tür müßte ein schmaler Gang sich im rechten Winkel rückwärts gewandt haben.
Nur 5 m weiter nördlich befindet sich eine besonders merk- würdige Anlagt, ein sogenanntes Kolumbarium (s. Abb. 2), dessen eigentlicher Zweck im vorliegenden Fall zweifelhaft erscheint. Es ist eine halbkreisförmige Felsnische von 2 m Höhe, 3,50 m Breite und 1,25 m Tiefe. Das Niveau des Erdbodens liegt heute höher, als das der Felsnische, und deshalb ist diese fast bis zur halben Höhe mit Steinen versetzt, doch so, daß das Innere frei bleibt und man in dasselbe hinabsteigen kann. Im Inneren dieser Höhlung finden sich nun in regelmäßiger Anordnung eine große
Chirbet el-jehüd (bettir).
61
Anzahl kleinerer ebenfalls halbkreisförmiger Nischen, die wenig- stens zum Teil wohl erhalten sind. Nur die an der Rückwand befindlichen Nischen sind durch herabrieselndes Wasser mehr oder weniger zerstört. Die Dimensionen dieser kleineren Nischen stimmen ziemlich überein; sie sind ca. 0,17 ra breit, 0,22 m hoch und 0,12 m tief. Von dem Rande der Höhle nach der Mitte zu gehen 5 Reihen solcher Nischen, genau übereinander angeordnet. Sepp (Jerusalem und das heilige Land S. G48) erwähnt deren nur zwei, die übrigen waren damals wahrscheinlich noch verschüttet..
\
Abb. 2. Kolumbarium auf der Ostseite von chirbet el-jehud.
Ob auch jetzt noch eine sechste Reihe im Erdboden steckt, ver- mochte ich nicht festzustellen, es hatte aber nicht den Anschein. Der Abstand der Reihen voneinander beträgt durchschnittlich 15 cm. Jede Reihe enthält vom Außenrande bis zum Mittelteil 10 solcher Nischen rechts und links, was bei 5 Reihen also 100 Nischen ergibt. Der mittlere Teil hat eine besondere, weni- ger regelmäßige Anordnung der Nischen. Vom oberen Rande ab nach unten zu ist zunächst eine 1,20 m breite und 0,40 m hohe glatte Fläche, darunter zählte ich 9 Nischen, ungefähr in 3 Reihen zu je drei geordnet. Über dem Mittelteil befindet sich, mit der
ßO E. Zickermann,
Rückwand hochgehend, ein Schacht von l : 0,50 m im Quer- schnitt. Ehedem mündete er ins Freie, ist aber jetzt in 0,75 m Höhe durch einen darübergewälzten Stein und durch Geröll verschlossen. Aber nicht allein die innere Höhlung des Kolum- bariums war mit den nischenförmigen Vertiefungen versehen; auch außen am Felsen rings um den Eingang her fanden sich solche in ebenso regelmäßiger Anordnung. Es sind Reihen zu je drei Nischen an beiden Seiten zu finden. Sieben solcher Reihen konnten festgestellt werden; da aber ein Teil sicher verschüttet ist und die Nischen außen wohl bis zu derselben Tiefe hinab- ffino-en, wie im Inneren der Höhle, so darf man mindestens 10 Reihen, d. h. also 30 Nischen an jeder Seite rechnen. Dazu kommen über dem Eingang weitere drei Reihen zu je drei Nischen, so daß die ganze Anlage deren wenigstens 1 7S aufzuweisen hatte, wahrscheinlich aber noch einige mehr. Die äußeren Nischen sind alle verwittert und zum Teil kaum noch zu erkennen.
Es ist nun die Frage, was diese ganze Anlage eigentlich für einen Zweck gehabt hat. Es ist bekannt, daß namentlich in Ita- lien sich ähnliche Anlagen befinden, die ihres Aussehens wegen Kolumbarien genannt wurden, in Wirklichkeit aber zur Bei- setzung von Aschenkrügen dienten, also Begräbnisstätten waren. Haben die Römer diese Art der Bestattung auch nach dem Orient übertragen, als sie hier mehr und mehr an Macht und Einfluß gewannen, oder haben sie sie von ihm übernommen? Auch bei Jerusalem und bei het dschibrln hat man Kolumbarien gefunden; Sepp und Tobler vermuten, daß sie Begräbniszwecken dienten. Ich muß gestehen, daß mir wenigstens hier die Nischen für diesen ZM'eck zu klein erscheinen; denn wenn wir uns dieselben noch durch, eine Steinplatte verschlossen denken, so bleibt schließlich nur ein winziger Raum übrig, in welchem eine Aschenurne nicht mehr Platz finden konnte. Vielleicht ist die Anlage wirklich das gewesen, was ihr Name besagt, ein Taubenhaus, Bei einem Besuch des xoädifZira fand ich ein in Gebrauch befindliches Taubenhaus, bei welchem ebenfalls die Brutstätten in den Fels gehauene Nischen waren; sie befanden sich in einer höhlenartigen Vertiefung, deren offene Vorderseite durch eine Lehmwand ver- schlossen war; in dieser Lehmwand befanden sich die Fluglöcher. Ahnlich kann man sich jenes Kolumbarium bei chirhet el-jehud vorstellen. Die aus leichterem Material, Lehm, Holz, Geflecht
Chirbet el-jehud (bettir). 63
oder dergl. hergestellte Vordervvand ist heute verschwunden, und als Einflug diente der nach ol)en führende Schacht. Diese Lösung wäre möglich ; sonderlich befriedigend erscheint auch sie nicht. Für die andere Auffassung, daß es sich um eine Begräb- nisstätte handelt, könnte noch der Umstand angeführt werden, daß sich das Kolumbarium inmitten von Begräbnisstätten be- findet.
Gehen wir wiederum weiter nördlich, so treffen wir, etwas tiefer am Bergeshang gelegen als das Kolumbarium, zwei weitere Höhlen an. Die erste zeigt einen sorgfältig gearbeiteten Eingang, der in der Form den schon beschriebenen ähnlich ist: ein Ein- schnitt von 1,50 m Breite in den Fels schafft eine senkrechte Rückwand; 0,25 m vom Rande ist die Fläche derselben um 0,15 m vertieft. Unten in der Mitte befindet sich die Eingangsöffnung, etwa 0,50 m im Quadrat messend. Das Innere der feuchten, wohl ehedem als Zisterne benutzten Grabhöhle war mit grobem Geröll und Knochen fast bis zur Decke gefüllt, so daß sich die genauen Dimensionen nicht feststellen ließen; sie dürften aber dem Augenschein nach 4 bis 5 m in Länge und Breite kaum übersteigen. Die zweite, nur wenig nördlich gelegene Höhle hat einen roh bearbeiteten Eingang, der fast ganz verschüttet ist. Das Innere fand ich mit Stroh und Häcksel angefüllt, konnte aber an der Rückwand der Höhle eine bedeutende Tiefe kon- statieren; auch sie ist wahrscheinlich früher als Zisterne benutzt worden.
Noch tiefer am Berge und weiter nach Norden zu fand ich eine von einem Fellachen bewohnte Höhle, die ursprünglich als Begräbnisstätte gedient hatte. Der Eingang, 1 m hoch und 1,50 m breit, ist roh, und von menschlicher Arbeit ist an ihm nichts zu entdecken. Wahrscheinlich hat man den alten engen Eingang zertrümmert, weil er zu unbequem war. Das Innere der Höhle ist 2,50 m breit und 3,50 m tief, von unregelmäßiger Form und roher Bearbeitung. Anders steht es mit drei Grab- nischen, welche die Höhle aufweist, eine in der rechten Seiten- wand, die beiden anderen in der Rückwand. Diese sind sorg- fältig von Menschenhand in den Fels getrieben und stellen sogenannte Schiebegräber dar mit gewölbter Decke und einem Querschnitt von 0,50 : 0,75 m.
Wieder etwas höher an der Ostwand des Berges hinaufsteigend
g^ E. Zickermanu,
treffen wir auf den Eingang einer Höhle von ungewöhnlicher Größe, (leren zeitweilige Benutzung als Zisterne wohl dadurch als erwiesen gelten kann, daß an der Decke der Höhle unweit des Einganges sich eine Öffnung im Felsen befindet, die früher ins Freie führte, heute aber durch Steingeröll verschlossen ist; sie mißt 1 : 1,50 m. Der Eingang ist sorgfaltig angelegt und ent- spricht in der Art und Weise ganz den oben beschriebenen Grab- eino^ängen, so daß wahrscheinlich auch diese Anlage ursprüng- lich für Begräbniszwecke bestimmt gewesen ist. In den schräg ansteigenden Fels ist ein 1 m breiter Einschnitt gemacht , durch welchen eine senkrechte Wand hergestellt wird. Einen Meter von der Oberkante dieser Wand befindet sich die 1 m ins Geviert messende Eingangsöffnung. Die Höhle ist in ihrem Inneren ziemlich genau rechteckig, 9,30 m tief und 13 m breit bei einer fast überall gleichmäßigen Höhe von 2,20 m. Die Decke wird getragen von drei mächtigen, viereckigen Pfeilern, deren Seiten 2 m messen. Jedoch ist nur einer, der am weitesten rechts stehende, von allen vier Seiten freistehend gearbeitet. Die bei- den anderen sind noch mit der Rückwand der Höhle verbunden, so daß sie mehr den Eindruck von dicken Wänden machen, welche die große Höhle in verschiedene Räume teilen. Der rechte Pfeiler sollte später jedenfalls beseitigt werden, als man die Höhle anderen Zwecken dienstbar zu machen svichte und für dieselben eines größeren Raumes benötigte. Zwei rechteckige Nischen nämlich, die eine in der Vorder wand rechts vom Ein- gang, die andere in der rechten Seitenwand, zeigen an, daß man in der Höhle in späterer Zeit eine Olivenpresse eingerichtet hat. Der Pfeiler war nun wohl hinderlich für das Hantieren mit dem langen Preßbalken, der in jene Nischen eingesetzt wurde, vor allen Dingen aber hinderlich für die Quetscheinrichtung, und so hat man den unteren Teil des Pfeilers einfach beseitigt; der obere Teil hängt frei von der Decke herab. Eine kleinere Nische weiter hinten in der rechten Seitenwand hat scheinbar zur Aufstellung einer Lampe gedient, wie die rußgeschwärzte Decke vermuten läßt. Drei Meter links vom Eingang ist im Inneren eine türartige Vertiefung in die Vorder wand gearbeitet, die mit Geröll angefüllt ist. Möglicherweise befand sich hier ein zweiter Eingang oder man hat versucht, einen solchen herzustellen; von außen war von lienem suchen nichts zu bemerken ; er ließe sich wohl auch nur
Chirbct el-jehüd (bettir). 65
durch Nachgrabung erweisen. An einigen Stellen der Höhle finden sich noch kleine in den Fels vorgetriebene Schächte, die aber anscheinend nicht als Gräber gedient haben. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, man habe die Arbeit an der Höhle südwärts und an den Ffeilerwänden noch fortsetzen wollen, habe sie aber aus irgendwelchen Gründen schließlich aufgegeben. Der Fuß- boden der Höhle war hoch mit Erde und Unrat bedeckt, so daß ich ein Sammelbassin für die (Mpresse nicht feststellen konnte. Wahrscheinlich lag es so, daß es in gleicher Weise benutzt wer- den konnte, ob nun der Freßbalken in die Vorder- oder in die Seitenwand eingesetzt wurde.
Eigenartig durch die besondere Form seines Einganges ist das nach Norden zu auf diese Höhle folgende Grab. Wiederum ist in den steil ansteigenden Fels ein Feinschnitt gemacht, um die senkrechte Wand für den Grabeingang zu gewinnen. Man hat aber — und das ist eben das Besondere bei diesem Grabe — die Unterkannte dieses Einschnittes nicht auf der Niveauhöhe der Umgebung gehalten, sondern hat eine ähnliche Anlage im Kleinen geschaffen, wie sie die Königsgräber bei Jerusalem im Großen darstellen. Es ist eigentlich kein Einschnitt, wie die oben be- schriebenen, den man von seitwärts in den Fels gemacht hat, sondern vielmehr ein Schacht, der von oben in die Tiefe getrieben wurde und zwar in einer Ausdehnung von 2,75: 1,10 m. Die Orientierung ist so, daß die Längsseiten dieses Schachtes nach Norden und Süden liegen. An der schmalen Ostseite hat man Stufen im Fels stehen lassen, die den bequemen Zugang zum Grabe vermitteln sollten. Sie gehen über die ganze Breite von 1,10 m und sind selbst 0,25 m breit bei einer Tritthöhe von 0,20 m. Zwei solcher Stufen sind sichtbar, die übrigen, vermut- lich noch zwei bis drei, sind verschüttet. Übrigens ist der Schacht nicht in seiner ganzen Länge von 2,75 m in den ansteigenden Fels gearbeitet, vielmehr gehen die Seitenkanten der Schacht- öffnung von Ost nach West zuerst 1,50 m eben und steigen dann in einem Winkel von 45° an. Die Eingangsöffnung, soweit sie gesehen werden kann, ist 0,7 5 m hoch und dürfte auch in Wirk- lichkeit nur noch wenig tiefer gehen, wenngleich das Niveau der Höhle eine Stufe niedriger liegt. Über der Eingangspforte befindet sich noch eine ebene Fläche von etwas über 1 m, so daß die senkrechte Felswand, in der sich der Eingang befindet, nicht
65 E. Zickennann,
über 2 m Höhe hatte. Gegenwärtig zeigt der Eingang eine merk- würdise Form, -weil man den Vorraum, den erwähnten Schacht auf eine Lunge von 1,10 m von der Kiickwand ab überbaut hat, indem man Steine von entsprechender Größe auf die Seitenränder des Schachtes stützte und dachartig schräg gegeneinander legte. Es ist nicht geschehen, um etwa das Grab zu schützen oder zu schmücken, sondern um einer Terrassenmauer, die sich über die Grabanlage hinzieht, sicheren Halt zu geben, ohne doch die Höhle zu verlieren, die man, wie der Augenschein lehrt, heute als Yiehstall benutzt. Das Innere der Höhle bietet weiter nichts bemerkenswertes; es ist etwa 8 m tief und 5 m breit bei 2 m Höhe.
Endlich ist noch eine ebenfalls wahrscheinlich als Zisterne benutzte Höhle nördlich von der eben beschriebenen zu erwähnen. In der bekannten Weise ist wieder eine senkrechte Felswand von 1 m lireite hergestellt worden. 1,50 m unter der Oberkante dieser Wand sieht man die EingangsöfFnung, die fast bis oben hin verschüttet ist. Ein Feigenbaum steht mitten vor derselben, so daß der Zugang zur Höhle etwas schwierig geworden ist. Der Innenraum erinnert ohne weiteres an die vorhin beschriebene ausgedehnte Höhle. Zwei mächtige Pfeiler von 2 ra im Geviert stützen die Decke. Die Breite beträgt 10 m, die Tiefe 7,20 m. Weil eine Unmenge Geröll die Höhle füllte, war ihre Höhe nicht festzustellen. Bemerkenswert ist schließlich noch, daß außen 1 m links vom Eingang eine P'elsentreppe aufwärts führt, von der fünf Stufen sichtbar sind; die weiteren werden von Terrassen- mauern verdeckt. Rechts vom Eingang bemerkt man noch eine schalenförmige Vertiefung im Fels, die vielleicht ehemals als Olquetsche benutzt worden ist.
Die im Vorstehenden aufgeführten Höhlen sind diejenigen, welche heute noch leicht zu finden, bzw. den F^inwohnern des Dorfes bekanut sind. Es ist aber zweifellos, daß außerdem noch eine ganze lleihe anderer vorhanden sind, deren Eingänge von den Terrassenmauern des östlichen Herghanges verdeckt werden. An einzelnen Stellen kann man sogar mit Gewißheit auf weitere Grabhöhlen schließen, und planmäßige Ausgrabungen würden sicher noch manches Neue zu Tage fördern.
Wir verfolgen nunmehr den Pfad, der von cd-dsrJiurün auf- wärts führt, weiter und erreichen in wenigen Minuten die höchste
Chirbet cl-jehüd (bettir). 67
Höhe des Berges, für die allein die Bezeichnung chirhet el-JeJmd gilt. Es ist ein Plateau von nicht geringem Umfang; Sepp schätzt die Fläche auf 5 bis 6 Morgen, und diese Schätzung kommt jeden- falls der Wirklichkeit sehr nahe. Eine genaue Vermessung hat ihre Schwierigkeiten, denn das Terrain ist heute durch die hohen Grenzmauern sehr unübersichtlich geworden, welche die oberste Fläche des Berges kreuz und (juer durchziehen und die Wein- bzw. Feigen- und Olivengärten voneinander scheiden. Eine Menge alter Steine sind bei Errichtung dieser Mauern mitver- wandt worden, wie man auf den ersten Blick erkennen kann.
Wir haben das Plateau an seiner nordöstlichen Ecke be- treten, und gerade hier befindet sich der Rest eines Bauwerkes, das zweifellos älteren Zeiten angehört hat. Die Bewohner von bettir nennen es kurzweg häb el-medlne = Stadttor; sie mögen damit Recht haben, denn, sei es, daß hier oben die Akropolis lag, sei es, daß die Stadt sich überhaupt nur auf diese oberste F^läche beschränkte, immer wird hier im Norden der Festung bezw. der Stadt ein Tor zu dem ca. 15 m tiefer liegenden ebenen Gelände geführt haben. Deutlich läßt sich der viereckige Grundriß des Gebäudes noch erkennen; jede Seite ist etwa 12 ra lang. Es war also wohl ein Turm, der sich hier erhob und den Zweck haben mochte, den Zugang zu der Feste zu sichern und zu schützen. Auch Robinson und Sepp erklären das Bauwerk auf diese Weise, wenn- gleich ersterer bei seiner Stellung zu der Frage von chirbet el- jehüd in den roh und kunstlos zusammengefügten Mauern nur den Zufluchtsort irgend eines räuberischen Araberhäuptlings sehen will. Die Steine sind von ziemlicher Größe; sie sind kunst- los, aber doch nicht roh und unbearbeitet, wie Robinson behaup- ten will, und in regelmäßigen Lagen ohne Mörtel aufeinander- gefügt. Namentlich an der nach Norden gerichteten Seite sind noch einige solcher Lagen übereinander gut erhalten. Ähnliche Mauern von derselben Bauart finden sich an der Südseite der Festung dort, wo der erwähnte breite Graben sich befindet. Möglich, daß auch hier ein Turm war, wie Sepp vermutet, wenn- gleich ich nur am Außenrand die Spuren einer Mauer festzu- stellen vermochte.
Ganz anderer Art sind die Überreste von Bauten, welche sich am Westrande des obersten Plateaus befinden. Auf sie paßt Robinsons Bemerkung schlechterdings nicht, denn hier
Ztschr. d. Pal.-Ver. XXIX. 6
68
E. Zickermauu.
handelt es sich um vorzüglich bearbeitete, fugengeränderte Steine von gleichmäßiger Große, die an einer Stelle noch in mehreren Lagen übereinander vorhanden sind (s. Abbild. 3). Auf einen großen Stein von fast 1 m Länge folgt regelmäßig ein kleinerer von 0,25 m, und die Fugen werden durch die Steine der oberen Lage gedeckt. Vermutlich handelt es sich hier um ein soro-fältig ausgeführtes größeres Prachtbauwerk, nicht um die Stadtmauer, in deren Zug es sich einfügt. Ich möchte dies daraus schließen, daß diese Steine sich nur an dieser einen Stelle der
Abb. 3. Alte Steiulagen am Westrand des Plateaus von chirbet el-jehüd.
Umfassungsmauer finden, aber nirgends sonst. An ein Tor ist wohl nicht zu denken, da hier im Westen der Fels steil zum Tal abfällt; aus diesem Grunde wird an dieser Stelle kaum eine größere Straße aus der Stadt hinausgeführt haben , für die ein Tor von besonders reicher Arbeit berechtigt erscheinen könnte. Näher liegt es , an einen Tempel oder Palast zu denken , der an der Westmauer der Festung Platz gefunden hatte. — Einzelne Steine alter Gebäude, die mehr oder weniger Spuren der Bear- beitung aufweisen , sind über das ganze Terrain verstreut zu fin- den, und an einigen Stellen haben die Bewohner des Dorfes
Chirbet el-jehüd (bettir). 69
betür eine ganze Anzahl derselben nebeneinander aufgestellt, teils ohne ersichtlichen Zweck, teils als Grenzzeichen.
Noch ein paar Worte seien über den Graben gesagt, der im Süden die Feste begrenzt und von ihrer Umgebung scheidet. Er ist ca. 15 m breit und 80 m lang. Es scheint, als sei er in den ursprünglich in sanfterer Neigung sich hinaufziehenden Burg- berg eingegraben worden, um diesen nach Süden, wo er mit den umliegenden Höhen in Zusammenhang stand, für die Verteidi- gung geeigneter zu machen. Sowohl die Nordwand wie die Südwand des Grabens besteht aus glattem Fels, sodaß der regelmäßige Einschnitt nicht anders zu erklären ist, als durch menschlichen Eingriff. Zwei breite Mauern duichziehen heute diesen Graben von Süden nach Norden, während der Grund desselben fruchtbare Erde aufweist und angebaut wird. Man könnte diese Mauern, die in der Hauptsache aus grobem Stein- geröll bestehen, für bloße Grenzmauern halten, wenn sie nicht so ungewöhnlich breit wären, durchschnittlich 5 — 6 m. Vielleicht sind sie als Reste von Angriffsdämmen anzusehen , welche die Belagerer hier seiner Zeit errichtet haben, um den Graben zu überbrücken und so die stolze Feste zu überwinden , die Jahre hindurch ihren Sturmangriffen zu trotzen vermocht hatte.
Übrigens befindet sich in der Südwand der Festung, d. h. also in der nördlichen Grabenwand, noch ein bedeutsames Grab, das ich nicht unerwähnt lassen möchte. Eine Öffnung von 0,50 m im Quadrat einige Meter über dem Grunde des Grabens bildet den Zugang. Die Höhle ist sehr sauber und regelmäßig gear- beitet, nur 1,20 m hoch, aber 21/2^1 im Geviert. Unmittelbar hinter dem Eingang befindet sich im Inneren ein Senkgrab von 1,50 m Länge und 0,75 m Breite. Die Tiefe festzustellen war mir nicht möglich, da die ganze Grube, die gleichfalls von sorg- fältiger Arbeit zeugt , mit Steinen angefüllt war. In der Rück- wand wie in der rechten Seitenwand befand sich eine Öffnung von 0,50 m im Geviert. Die Öffnung in der Rückwand führt zu einer zweiten etwas tiefer gelegenen Höhle, die 2 m lang und breit ist. Die Öffnung in der rechten Seitenwand, wie die vorige 0,40 m über dem Boden der Höhle, mündet in einen kleineren Raum von 1 m Breite und 2 m Länge. In diesem Raum schien sich ebenfalls ein Senkgrab befunden zu haben, denn der Boden war in der Mitte durch die ganze Länge des Raumes 0,50 ra
6*
70
E. Zickermann.
vertieft ; die Breite dieses Senkgrabes betrug etwas über Y2 m. In der linken Ecke der Kückwand der vorderen Höhle befand sich eine Vertiefung in Form eines Viertelkreises, deren eigent- licher Zweck nicht recht erklärlich ist.
Wir kehren nunmehr zum Nordrand der chirbet el-jehüd zurück an dessen westlichem Ende sich heut ein weithin sicht- barer moderner Wachtturm erhebt. Man kann von hier aus nordwärts ein weites Plateau überschauen, das ca. 12 — 15 m tie- fer liegt, als chirhet el-jehüd\ die Dorfbewohner bezeichnen es als el-gharbi. Die Ausdehnung dieses Plateaus beträgt, wie ich feststellte, von S. nachN. 380 Schritt, von W. nach O. 260 Schritt. Das Terrain dürfte also die Oberfläche des Berges, die eigent- liche chirbe, um das vier- bis fünffache übertreffen. Nach allen Seiten, mit Ausnahme eben der Südseite, wo die Festung es über- höhte , fällt dieses Plateau schroff zu dem es im Halbkreis um- grenzenden v:ädi ab. Letzteres wird von den Bewohnern mit verschiedenen Namen belegt, und zwar nennen sie es auf der üstseite icad es-si/ike, auf der Westseite tcUd el-gJiarbi.
Dieses halbinselartige nordwärts gerichtete Plateau, auf dem heute ein großer Weingarten angelegt ist, soll die Stelle der Unterstadt von leth-ter sein, wie Guerin [Judee II S. 388) an- nimmt. Es ist sicher dazu geeignet, ob aber wirklich hier einst die Häuser einer großen Stadt sich erhoben, ist mir doch zwei- felhaft geworden, vor allem um der ganz geringen Trümmer willen, die auf dem weiten Feld zu finden sind. Ich möchte viel- mehr trotz der entgegenstehenden Schilderung der Pabbinen über die Größe und Herrlichkeit von betli-ter die Ansicht teilen, daß es sich nur um eine nicht allzugroße Felsenfeste gehandelt hat, in welcher Simon Barkochba seine letzte Zuflucht suchte, und die er lange mit dem Heldenmut der Verzweiflung gegen eine feindliche Übermacht verteidigte. Es ist leicht erklärlich, daß in den Augen der Nachwelt jene ganze Zeit und alle ihre Verhältnisse zu übermenschlicher Größe emporwuchsen, und un- ter diesem Gesichtspunkt ist die spätere jüdische Literatur über beth-ter zu beurteilen.
Einige Spuren aus älteren Zeiten finden sich freilich auf e/- (jharhi auch. Zu erwähnen wäre zunächst nicht fern von der äußersten Nordwestecke eine große Weinkelter. In den Fels, der gleichsam die natürliche Westmauer bildete, ist vom Plateau
Chirbet el-jehüd (bettir). 71
her ein 6 m breiter Einschnitt gemacht worden, durch den eine senkrechte Rückwand von 1,10 m Höhe und eine horizontale Bodenfläche von (> m Länge und 3,50 m Breite entstanden ist. In der Rückwand befindet sich 2,20 m von der Unken und 3,20 m von der rechten Seitenwand entfernt eine rechteckige 0,15 m tiefe Nische von 0,65 m Länge und 0,35 ra Breite. Es ist die Öff'nung für den Preßbalken, die durch ihre Ausdehnung von oben nach unten gestattete, die Lage des Preßbalkens durch eingelegte Steine oder Keile beliebig zu verändern, je nachdem die zu pressende Menge übereinandergelegter Körbe größer oder kleiner war. Die Öffnung ist von der Oberkante der Rückwand nur 0,15 m, vom Boden nur 0,30 m entfernt. Auf dem horizon- talen Boden, der zum Treten der Trauben diente, befindet sich nahe dem vorderen Rande auf der linken Seite ein Sammel- becken, in das eine kurze, flache Rinne vom Tretplatz führt. Es hat 0,80 ra im Quadrat und eine Tiefe von durchschnittlich 0,35 m. Von hier aus führt eine etwas tiefere Rinne zu einem größeren Becken, das sozusagen außerhalb der eigentlichen Anlage links neben dem vorderen Rande derselben liegt. Es ist 1 : 0,80 m groß und besitzt eine Tiefe von 1 m. Vor diesem zweiten Bassin ist der Fels beseitigt worden, um ein bequemes Herankommen zu dem Becken zu ermöglichen; auch ist an dieser Stelle eine Ausflußöff'nung zu bemerken. Auf der rechten Seite der Anlage ist oben neben der Rückwand ein drittes Becken zu verzeichnen, dessen Zweck nicht klar ist ; vielleicht hat es nur zur Ansamm- lung von Wasser gedient. Es hat eine Ausdehnung von 0,80 : 0,60 m und ist 0,10 m tief; eine Abflußrinne ist nicht sichtbar.
Etwas nördlich von dieser Kelteranlage steht ein Wacht- turm; in dessen Nähe fand ich eine Quelle, die allerdings im Sommer wohl versiegen dürfte. Endlich sei noch bemerkt, daß mitten auf dem ebenen, heute wie gesagt als Weingarten be- nutzten Plateau ein Felsblock hervorragt, gegen Westen senk- recht bis zu 1 m Höhe und 2,50 m Breite, gegen Osten auf etwa 6 m hin gleichmäßig abfallend; an den beiden Ecken der Westseite befinden sich kleine unregelmäßige Felshöhlen. Er sieht fast aus, wie eine kleinere Nachbildung des Felsens in der Omarmoschee zu Jerusalem. Ob das nur Zufall ist , oder ob die- ser Felsen irgend welchen religiösen Zwecken gedient hat, darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben.
-0 R. Eckardt.
Soweit meine Wahrnehmungen an der Stätte von chirhet el- Jehüd Es liegt mir fern, bestimmte Behauptungen oder Vermu- tungen an dieselben knüpfen zu wollen, wenn es mir auch scheinen will, als könne durch dieselben nach mancher Richtung hin die Anschauung gestützt werden, daß wir in chirhei el-Jehüd das alte heOi-ter vor uns haben. Auch die Bezeichnung chirhet el-jehTid selbst, um das noch zu erwähnen, die sich durch die .lahrhunderte im Munde des Volkes erhalten hat, deutet doch daraufhin, daß sich hier einst ein Ereignis zugetragen hat, das für das jüdische Volk von entscheidender Bedeutung gewesen ist; dem aber entspricht in einfachster Weise die Annahme, daß wir an dieser Stätte am Grabe der nationalen Selbständigkeit Israels stehen. Soviel steht jedenfalls fest, daß auf der heute als rhirbet el-jehüd bezeichneten Höhe einst eine alte, vielleicht nicht ganz unbedeutende Feste lag, die in heißen Kriegsstürmen ihren Untergang fand.
Studien aus dem Deutschen evang. arcliäolog. Institut
zu Jerusalem.
8.
Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux (333).
Von Pfarrer R. Eckardt in Windischleuba S. A. (Vergl. hierzu Tafel IL)
I. Text [rec. Paulus Geyer, Vmdobo?iae 1898.) Sutii in Hierusalem jnscinae magnae duae ad latus templi , id est una ad dextera^ alia ad sinistra, quas Salomon J'ecit ^ interius vero civitati smit piscinae gemeUares^ quinque porticos hahentes., quae appeUantur Betsaida. Ibi aegri multorum annorum sana- bantur. Aqua autem habent hae piscinae in modum coccini turba- tam. Est ibi et crepta^ ubi Salomon daemones torquebat. Ibi est angulus furris ezcelsissimae, ubi do?}iifius ascendit, et dixit ei kis, qui temptabat eum . . . (add. edd.': sißlius dei es, mitte te deorsum).. . Et ait ei dominus: Xo7i temptabis dominum deum tuum, sed Uli sali servies. Ibi est et lapis angularis magnus, de quo dictum est :
'.cilschiin (l.iJciils( lu-ii Pal,isliii;i-\VrciiiK, J5(l. XXIX
Das JenLsalem. des Pilgers "vrmBordeauLxi.
iiilworCcn \()ii PI'arr(>r U. l'k'kai-dl, WiudiscLilcHib.'i S.^V.
1.1- -/\r\ O IDO 200 300 400 ßOO \r^4«-i-.
i. Li.oüU ' ■ — r- ■ =. AI et er
1 7'('/r/i Belsdidd
7 Pdlcusl Dcn-ids
2 11.3 Ti'ivhc (i/i lU'r'l'cinpclnuuwr W CiUidclle
.') Praeloräun desPücLbis 10 Grcibeskirche
!■ L(tf)ts perlu.siis .") Teich Silodh G Ihtus (((\s (a/p/ias Xorcliiuiaer voh \'>7/sons tiömerLaxjej'
Geogr .Allst .V. Waoiier ADebesJ.cipzi^
InXciruivission bei K.Baodokc-r, l.cipy.iy ""
Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux (333), 73
Lapidem^ quem reprohaverimt aedißcatites^ hie f actus est ad caput anguli. Et suh pinna turris ipsius sunt cuhicula plurima, uhi Sa- lomon palatium habehai. Ihi etiam constat cuhicidus , i?i quo sedit et sapientiatn descripsit; ipse vero cidnculus uno lapide est tectus. Sunt ibi et excepturia magna aqtiae suhterraneae etpiscinae magno opere acdißcatac. Et in aede ipsa, tibi tcmplum fuit, quem S'aio- mon aedificavit ^ in marmore ante aram sanguinem Zachariae ibi dicas hodie fusum^ etiam parentvestigiaclavorummilitum^ quieum occiderunt, per totam aream^ ut putes in ceraßxum esse. Sunt ibi et statuae duae Adriani^ est et non longe de statuas lapis pertusus.^ ad quem veiiiunt Judaei singulis an7iis et unguent eum et lamentant se cum gemitu et vestimenta sua scindunt et sie recedunt. Est ibi et domus Ezechiae regis Judae.
Item exeuntibus Hierusalem, ut ascendas Sion, in parte sifiistra et deorsum in valle iuxta murum est piscina , quae dicitur Silua; habet quadriporticum ; et alia piscina grandis foras. Haec fons sex diebus atque noctibus currit, septima vero die est sabba- ium; in totum nee nocte nee die currit.
In eadem asceyiditur Sion et paret^ ubi fuit domus Caifae sacerdotis, et columna adhue ibi est, in qua Christum ßagellis ceciderunt. Intus autem intra murum Sion paret locus, ubi pala- tium habuit David. Et Septem syiiagogae, quae illic fuerunt , una tantum remansit, reliquae auteln arantur et sefninantur, sieut Isaias propheta dixit.
Inde ut eas foris murum de Sion, euntibus ad porta NeapoU- tana ad partem dextram deorsum in valle sunt parietes, ubi domus fuit sive praetorium Ponti Pilati ; ibi dominus auditus est, ante- quam pateretur ; a sinistra autem parte est monticulus Golgatha, uhi dominus crueifixus est. Inde quasi ad lapidem missum est cripta tibi corpus eins positum fuit et iertia die resurrexit; ibidem modo iusso Constantini imperatoris basilica facta est, id est do- minicum, mirae pulchritudinis, habens ad latus exeepturia, unde aqua levatur, et halneum a tergo, uhi infantes lavantur.
Item ab Hierusalem euntibus ad porta, quae est contra Oriente, ut ascendatur in monte Oliveti, vallis quae dicitur Josafath; ad partem sitiistram, ubi sunt vineae, est et petra ubi Judas Scarioth Christum tradidit, a parte vero dextra est arhor p>cäfnue, de qua infantes ramos tulerunt et veniente Christo substraverunt. Inde non longe quasi ad lapidem missum sunt mo7iumenta duo monuhiles
74 R- Eckardt.
mirae pulchritudinis facta: in unum positus est Isatas prop/teta, qui est cere monoUtus, et in alio Ezechias, rex Judaeorum.
Inde ascendis in 7}wntem Oliveti, übt dominus ante passione apostolos docuit. Ihi facta est hasilica iusso Constantini. Inde non Junge est monticulus, ubi dotninus ascefidit orare et apparuit illic Moyses et Helias^ quando Petrum et Johannem secum duxit.
IL Die Angaben des Itinerariums.
Die Beschreibung Jerusalems, die das Itinerarium des Pil- gers von Bordeaux bietet, ist sehr kurz. Sie ist völlig kritiklos; der Pilger hat gläubig alles hingenommen, was man ihm erzählte. Aber gerade darin liegt wiederum auch der eigenartige Wert des Berichtes: wir haben an ihm ein getreues Spiegelbild der im .lahre 333 herrschenden Tradition von Jerusalem. Ehe man diese kritisch prüfen kann, ist es nötig sie festzustellen. Wie sah das Jerusalem aus, das der Pilger von Bordeaux besuchte? Das ist die Frage, auf deren Beantwortung sich die folgende Unter- suchung beschränken soll.
Der Pilger kam nach Jerusalem in einer Zeit, in der es be- gonnen hatte, die Periode der geringsten Ausdehnung zu über- winden: die Aelia Capitolina erhob sich durch die Bauten Konstantins zur heiligen Stadt der Christenheit.
Mit Recht hat Wilson im Vorworte zur Textausgabe der Pcdestine Pilgrims Text Society darauf hingewiesen, daß die Beschreibung des Pilgers nach einem bestimmten Wege geordnet ist. Der Pilger betritt die Stadt am Nordende des Osthügels und wendet sich von da südwärts; oberhalb von Siloah kreuzt er das Tal und wendet sich zum Westhügel; nach dessen Besichtigung kehrt er nordwärts zurück, und schließlich verläßt er die Stadt durch das Osttor, um den Ölberg zu besuchen. Also ein regel- rechter Rundgang, kein wirres Hin- und Herlaufen. Das muß festgehalten werden, um irrige Deutungen seiner Angaben zu vermeiden.
Gleich im Anfang zeigt sich das. Er sagt: »Es sind in •Jerusalem zwei große Teiche zur Seite des Tempels, nämlich einer zur Rechten, einer zur Linken, die Salomo gemacht hat.« ])ann schildert er den Tempelplatz, wie sich ergeben wird, von Norden nach Süden. Gkkmer-Durand [Echos d' Orient 1904, März, S. 72 ti". , verkennt diese klare Folge und läßt den Pilger
Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux (333). 75
im Süden beginnen. Es ist nicht einzusehen, wie der Pilger zu- erst dorthin gelangt sein soll, da er von Norden, von liethar, gekommen war. Infolge dieser Verkennung der Kichtung sieht Germkk-Durand in den zwei Teichen die beiden großen Zister- nen auf dem südlichen Tempelplalze, el-küs und die Königs- zisterne. Diese beiden großen Zisternen befanden sich aber nicht rechts und links vom Tempel, sondern eine lag rechts, die andere dem Tempel gerade gegenüber. Außerdem ist zu berück- sichtigen , daß der Pilger später — und zwar ganz richtig auf dem Gange nach Süden zu — diese Zisternen aufführt: »Es sind dort auch große Behälter unterirdischen Wassers und Teiche, mit großer Mühe gebaut.«
Dann müssen also die erstgenannten Teiche im Norden des Tempelplatzes gesucht werden. Der Pilger unterscheidet templum^ den Tempel bezirk, und aedes ipsa, das Tempelgebäude. Im Nor- den des Tempelplatzes kommen nur in Betracht die birket isra'U an der Nordostecke und der jetzt überwölbte Teich an der Nord- westecke, der sich von der Kaserne unter der via dolorosa bis in die Souterrains des Klosters der Zionsschwestern hinzieht. Er ist von Clermont-Ganneau , der ihn mit dem Struthionsteiche des JosEPHUS identifiziert, beschrieben im PEF 1871, S. 106; vergl. auch PEF Mem. Jerusalem S. 209 ff. und Pläne zum PEF, Excav. of Jerus.^ Tafel 37. Clermont-Ganneau schließt aus der dem Ecce-homo-Bogen gleichartigen Steinbearbeitung, daß die Überwölbung im Zeitalter der Aelia Capitolina geschah. Die Richtigkeit dieser Vermutung bleibe dahingestellt. Aber auch wenn der Teich zur Zeit des Pilgers überw^ölbt war, konnte doch seine Existenz recht wohl allgemein bekannt sein, ja es war mög- lich, daß man Wasser daraus entnahm. Die Zuriickführung der beiden Teiche auf Salomo erklärt sich aus der damaligen Nei- gung, alles, was zum Tempelplatze in Beziehung stand, mit Sa- lomo in Verbindung zu bringen.
Es könnte scheinen, als habe der Pilger diese beiden Teiche außerhalb der Stadt gefunden, da er im Gegensatz zu ihnen von Bethesda sagt, es liege innerhalb der Stadt. Dann hätte die Stadtmauer, die das Nordquartier einschloß, nicht bis zum Tem- pelbezirke gereicht, und südlich von der St. Annenkirche wäre die Stadt gegen die via dolorosa zu noch durch eine Mauer abge- sperrt gewesen. Aber der Zweck dieser sonderbaren Ummauerung
7(^; K. Eckardt.
wäre nicht einzusehen. Auch geht der Pilger »aus Jerusalem« durch das Osttor. Mag dies nun das Goldene Tor oder ein an- deres in der Gegend des heutigen Stephanstores gewesen sein, jedenfalls ist es das Wahrscheinlichste, daß die Stadtmauer im Nordosten wie jetzt bis zum Haram sich erstreckte. Was soll aber dann der Gegensatz interius vero ? Man könnte an den außenlicgenden Teich birket sitt'i marjam denken. Da dieser jedoch vom Pilger nicht erwähnt wird, so empfiehlt es sich, aller- dings einen Gegensatz zwischen Kethesda und den beiden »Sa- lomonsteichen- anzunehmen, ahei ifiterius zu übersetzen »weiter drinnen.» Dann wären die beiden »Salomonsteiche« nicht als außerhalb der Mauer liegend bezeichnet. Die Frage nach dem biblischen Bethesda soll hier nicht erörtert werden. Hier handelt es sich nur um das Kethesda-Betsaida vom Jahre 333 i).
Seit dem 15. Jhdt. galt die birket isra'U für den Teich Be- thesda: dagegen wurde bis zu den Plänen von Jerusalem in Ma- rino Sanudos Werken (14. Jhdt.) der Teich in unmittelbarer Nähe des Marien-Annen-Heiligtums angegeben. Diese Tradition läßt sich bis auf den Pilger Theodosius (gegen 530) zurückver- folgen. Aber sie reicht noch weiter hinauf. Da die birket israll nie Säulenhallen gehabt hat, so ist nicht anzunehmen, daß der Pilger von Bordeaux sie als Bethesda betrachtete. jSIan hat sie im 15. Jhdt. als dieses gezeigt, weil die Doppelteiche bei St. An- nen verschwunden waren. Auch in neuster Zeit hat man, so lange sie unbekannt waren, das Bethesda des Pilgers anderswo gesucht. So hat Wilson [App. III zur Textausgabe der Palestine Pilgrims Text Society)^ besonders auf die Bezeichnung pisci?iae gcmellares Gewicht legend, die zwei erwähnten Tunnel bei der Antonia als das Bethesda der Bibel und des Pilgers zu erweisen gesucht. 1888 wurde jedoch der Teich bei St. Annen wieder entdeckt (Beschreibung von Schick PEF 188S S. llSif., 122 ff. und ZDPV 18bS S. 179 ff.). Wilson (PEF 1888 S. 131) hat dar- auf zugestanden, daß dieser Teich wahrscheinlich das mittelalter- liche Bethesda war. In der Tat kann der Teich bei der Antonia nicht in Frage kommen, da er nie quinqiie porticus gehabt haben
i; Über die Lesarten Bethesda — Bethsaida - Bethzatha in den lateini- schen Bibelübersetzungen vergl. den Artikel von Heidet in VlGOlROUX dic- fionnaire de la ht'hle p. 1723 ff. Für das Alter der Lesart Bethsaida bildet die Stelle des Itinerariums einen wichtigen Beleg.
Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux (333). 77
kann. Dagegen sind bei dem Teiche von St. Annen noch die aus dem Felsen gehauenen Stümpfe von vier Säulen an der ge- genwärtigen Nordwand vorhanden, sodaß fünf Durchgänge oder Hallen nachweisbar sind. Über dem Teiche befanden sich fünf Hallen und eine Treppe, die in den Teich hinabführte. Die wei- tere Baugeschichte des Platzes kommt hier nicht in Betracht. Der nördliche Parallelteich ist noch mit Schutt gefüllt; wenn die Weißen Väter die geplante Ausgrabung vornehmen, wird die Bethesdafragc ihrer endgiltigen Lösung näher gerückt werden. GuTHE (das Stadtbild Jerusalems auf der Mosaikkarte von Ma- deba, ZDPV 1905 S. 129 f.) hat auf dem Plane von Madeba die St. Annenkirche nachgewiesen und die daneben befindlichen weißen Vierecke auf den Teich Bethesda gedeutet.
Die rote Färbung des aufgerührten Wassers erwähnt auch EuSEBius [Onomasticon zu Hr,Cat)7.) bei einem der Teiche und führt sie auf das Waschen der Opfertiere zurück, erklärt das auch aus dem Namen -poßaTizrj ; in Wirklichkeit sind erdige Bestand- teile als Ursache anzunehmen.
Nachdem der Pilger die Teiche im Norden des Tempels auf- gezählt hat, geht er über den Tempelplatz und nennt die dort befindlichen Merkwürdigkeiten. Zuerst berichtet er von einer crepta, in der Salomo die Dämonen beschworen haben soll. Mom- MERT (Topographie des alten Jerusalem II S. 256) denkt an hlr el-arioäh, den »Geisterbrunnen« unter der Sachra. Da aber der Pilger die Sachra erst später bespricht, so ist diese Vermutung MoMMERTS schwerlich zutreffend. An der kleinen Moschee, die »der Thron Salomo's« heißt und an der Ostmauer steht, haftet jetzt eine ähnliche Legende; man vermutet auch unter ihr Ge- wölbe. Doch liegt es näher, die crej)ta an der Südostecke zu suchen, da sie mit andern dort befindlichen Örtlichkeiten zu- sammen genannt wird. Sie wäre dann mit den »Ställen Salomos« zu identifizieren, die den Arabern als Werk der Dämonen gelten; diese räthselhaften Gewölbe von ungeheurer Ausdehnung for- derten zur Legendenbildung heraus (vergl. das griechische Pros- kynetarion S, 261). Freilich wird das Alter dieser seltsamen Unterbauten sehr verschieden bestimmt. Sicheres wird also über die crepta nicht zu sagen sein.
Der Pilger sah weiter den Eckstein eines sehr hohen Tur- mes, auf dem Jesus zum Hinabspringen versucht wurde. Die
7g R. Eckardt.
Legende zeigt noch jetzt einen großen Stein der Südostecke als Ort dieses Vorgangs (vergl. Mommekt, Jerusalem II S. 256). Pru- DENTius (590) weiß von einem Turme, der die Zerstörung des Tempels überdauerte; ein mächtiger Eckstein, »den die Bauleute verworfen haben« , trägt ihn. Der Pilger unterscheidet den an- gulus turris und den lapis aiigularis ?}ia(j/nus, den die Bauleute verworfen hatten. Der Eckstein konnte der große Stein sein, der Recovery of Jerusalem S. 121 beschrieben ist. Th. Zahn (Neue kirchl. Zeitschr. 1899 S. 403) ist geneigt anzunehmen, daß der Stein, den der Pilger auf dem Tempelplatze sah, bei Er- bauung der Zionskirche 340 verwendet wurde, 570 wurde er als deren Eckstein gezeigt.
Unter der Zinne des Turmes sah der Pilger viele Gemächer, >wo Salomo seinen Palast hatte.« »Dort besteht auch noch das Gemach, in dem er saß, als er das Buch der Weisheit schrieb; die Decke dieses Gemaches aber wird von einem einzigen Stein gebildet.« Ein mit einem einzigen großen Steinblock eingedeck- tes Gemach wird in der Südostecke noch heute gezeigt (vergl. MoMMERT, Jerusalem II S. 257). Ferner erzählt der Pilger von großen Zisternen und Teichen [excepturia magna und piscmae); man erkennt unschwer die Königszisterne, el-käs und die andern zahlreichen Zisternen im Süden des Platzes. Manche scheinen damals nicht verdeckt gewesen zu sein [piscinae).
Nach Betrachtung des Tempelplatzes wendet sich der Pilger zum Tempel selbst, »/w aede ijisa« ist gegen die Konjektur »m area ipsa« festzuhalten : zur area gehörten ja auch die schon ge- nannten Stücke. Der Pilger sah ein Gebäude an Stelle des ehe- maligen »salomonischen« Tempels; damit kann nur der Ha- drianstempel gemeint sein. Naiv zeigte man dort die Spuren vom Blute des ermordeten Zacharias (2.Chron. 24, 20. 21; Matth. 23, 35) und von den Nagelschuhen seiner Mörder, der Soldaten. Die Zachariaslegende ist viel umhergewandert. Zur Zeit des HiERONYMus [Comm. in Matth.) war sie noch an dieselbe Stelle gebunden. Dann aber zeigte man den blutbefleckten Altar in der Grabeskirche, und jetzt gibt es einen Platz des Zacharias in der Moschee el-aksä.
Wichtiger ist die Erwähnung der beiden Statuen Hadrians vor dem Tempel. Man hat in ihnen die Dioskuren oder Hadrian und Jupiter vermutet. Der Pilger wird aber mit seiner Bezeich-
Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux (333). 79
nung Recht hcabcn. Germer-Duuand gibt eine glückliche Er- klärung: es waren die Standbilder Hadrians und Antonius; Antonin trug den Adoptivnamen Aelius Hadrianus. Ob Reste dieser Standbilder aufgefunden wurden (Clermont-Ganxeau, PEF 1874 S. 2U7 — 10 und Wilson, Textausgabe der Palestine Filgrims Text Society S. 22 Note 1), ist zweifelhaft.
Der Pilger berichtet sodann von einem lapis pertusus ^ zu dem die Juden wallfahren, um ihn zu salben und bei ihm zu klagen. Nur er erwähnt diesen Stein. Die Identifikation mit der Sachra drängt sich sofort auf. Der Pilger sagt, daß der Stein nicht weit von den Standbildern war, also vor dem Iladrians- tempel. Germer-Durand nimmt die Standorte der Statuen öst- lich und westlich am Rande der Sachra, die Cella nördlich von ihr an. Anhaltspunkte für solche Vermutungen bietet der Wort- laut nicht. Eine Orientierung des Tempels von Westen nach Osten wäre ebensowohl möglich, ja ist mit Rücksicht auf den ehemaligen Herodianischen Tempel wahrscheinlicher. Die Cella mit dem Gottesbild auf der Stelle des einstigen Allerheiligen mußte den Juden besonders anstößig sein.
Aber was heißt hqns pertusus? Ist damit die gegenwärtige Durchlöcherung von oben nach unten oder die horizontale unter dem Felsen gemeint? Das runde Loch, das man mehrfach für den Abzugskanal des Brandopferaltars erklärt hat, hätte dem Pilger nicht auffallen können ; dergleichen Öffnungen konnte er genau ebenso an vielen Zisternen sehen. Er würde also eine solche Durchlöcherung nicht als etwas Besonderes erwähnt haben. Zudem ist das Alter der ()ffnung fraglich. Bedenkt man, daß der Fels jahrhundertelang unter freiem Himmel gelegen hat, und vergleicht man die wohlerhaltene glatte Arbeit der (Öffnung mit den stark verwitterten, wohl deswegen nicht erst von den Kreuzfahrern gehauenen Stufen an der Westseite des Felsens, so wird man das Loch wenigstens in seiner jetzigen Ge- stalt nicht in die Zeit vor Überbauung der Sachra zurückzuda- tieren geneigt sein. Dagegen ist die geheimnisvolle Höhle unter dem Felsen immer ein Gegenstand der Bewunderung gewesen, und bei den Muhammedanern ist bekanntlich der Glaube an das Schweben des Felsens vorhanden. So dürfte auch der Pilger die unterirdischen Durchlöcherungen des Felsens gemeint haben,
80 R. Eckardt.
und man wird sich für das Alter der oberen Öffnung nicht auf sein Zeugnis berufen dürfen.
Mit Recht macht "Wilson darauf aufmerksam , daß die Mit- teilung des Pilgers über die rituelle Klage der Juden am durch- löcherten Stein von Wichtigkeit sei. Hadrian hatte ihnen den Zutritt zur Stadt verboten, und dieses Verbot bestand nach dem Zeugnis des Eusebiüs auch noch unter Konstantin. Wilson ver- mutet, daß es Konstantin nach seiner Erhebung zum Alleinherr- scher (324) aufgehoben habe.
Der Pilger erwähnt auf dem Tempelplatze noch ein Haus des Königs Hiskia. Auch Hieronymus kannte noch Reste davon. Seitdem ist die Tradition über den Platz verschollen.
Der Pilger verläßt »Jerusalem«, um nach »Sion<; »hinauf- zugehen«. Zur Linken unten im Tale »neben der Mauer« sieht er den Teich Siloah, der einen vierfachen portkus hat, und wei- ter draußen einen andern großen Teich. Zweifellos sind damit der jetzige Siloahteich und die hirket el-hamrä gemeint. Frag- lich ist aber, welche Mauer er neben dem Teiche sah. Man könnte versucht sein, an die Doppelmauer zu denken, die das tiefe Bassin zur Seite der hirket el-hamrä umschloß und zwischen der Zedekia flüchtete (Jerem. 39, 4). Diese Mauer, ausgegraben von GuTHE und Bliss, war damals wohl noch nicht verschüttet, und die Anlage war auffällig genug, um erwähnenswert zu scheinen. Aber die Bezeichnung iuxta murum gilt dem oberen Teiche, die hirket el-hamrä wird als foras liegend bezeichnet. So bliebe nur die Annahme übrig, daß der Pilger in jener Ge- gend noch soviel von der alten Mauer sah, um sie als einstige Stadtmauer zu erkennen. Aber auch dann wäre ihre Bezeich- nung als murus schlechthin sonderbar , da der Pilger damit sonst die damalige Stadtmauer meint. Vielleicht hat ein Glossator, nachdem die Mauer der Eudokia dort gebaut war, die Worte iuxta murum in falscher Deutung von foras eingeschoben , ur- sprünglich aber hätte sich, foras auf den quadriporticus des obern Teiches bezogen. Auf keinen Fall ist es möglich, die eigentliche Stadtmauer zur Zeit des Pilgers soweit nach Süden laufend zu denken.
»Auf demselben Wege wird der Sion erstiegen, wo das Haus des Hohenpriesters Kaiphas war . . . Innerhalb aber der Mauer von Sion ist der Ort, wo David seinen Palast hatte«. Sion ist
Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux (333). gl
also dem Pilger der Westhügel. Das ergibt sich aus seiner Weg- richtung: er geht aus »Jerusalem« und zwar aus dem haram escJi-scherlf hexa.\xii, um nach Sion »hinaufzusteigen«; nachdem Ophel hätte er aber hinabsteigen müssen. Auch geht er oberhalb Siloahs und hat dieses zur Linken; so kann sein Sion nur auf dem Westhügel zu suchen sein. Für das Alter der mittelalter- lichen Tradition über Sion ist die Angabe des Pilgers von Wich- tigkeit. Die Entstehung der Westhügel-Tradition kann hier nicht erörtert werden.
Auf dem Sion fand der Pilger: 1. den Ort, wo das Haus des Kaiphas war, mit der Säule, an der Christus gegeißelt wurde; 2. den Ort, an dem Davids Palast gestanden haben sollte; 3. eine Synagoge, die letzte übrig gebliebene von sieben.
Das Haus des Kaiphas selbst stand also nicht mehr. Man zeigte nur den Ort, an dem es gestanden haben sollte, und die Geißelungssäule. Galt diese als Reliquie der Passion , so wird man sie irgendwie geschützt haben , und es ist nicht mit Theo- dor Zahn (die Dormitio Sanctae Virginis, N. Kirchl. Zeitschr. 1899 S. 393, Anm. 1) anzunehmen, daß sie im Freien stand. Aber das ist richtig, daß die Ausdrucks weise des Pilgers das Vorhan- densein eines bedeutenderen Baues an jener Stätte ausschließt. Auch zur Zeit Cyrills [Catech. XIII) lag die Stätte des Kaiphas- hauses wüste.
Der Pilger gibt die Ortslage des Hauses außerhalb der Stadt- mauer an, denn es heißt weiter: intus autem murum Sion paret locus, uhi palatium hahuit David. Auch hier führt die Ausdrucks- weise nicht auf die Vermutung, daß der Pilger noch Gebäude des angeblichen Davidspalastes sah. So ist die Stelle nicht auf die gewaltigen Turmbauten des Herodes zu deuten, als deren Rest in der sogenannten Davidsburg noch heute der mächtige Phasaelsturm aufragt. Hätte der Pilger sie beschreiben wollen, so hätte er nicht bloß von einer Ortslage reden können. Bei der Schilderung des Prätoriums erwähnt er parietes^ die noch stehen. Wie vielmehr hätte er Anlaß gehabt, die noch bewohnten Über- bleibsel der Herodesburg als Teile des palatium zu bezeichnen! Die heutige Zitadelle liegt auch zu weit nördlich, als daß die Nennung des Davidspalastes zwischen dem Hause des Kaiphas und der übrig gebliebenen Synagoge auf sie bezogen werden könnte. Offenbar haftete an dem festungsähnlichen Gebäude
82 R. Eckardt.
damals keine Tradition, sodaß es der Pilger mit Stillschweigen
überging.
Wie mir Herr Dr. Mommert auf eine Anfrage freundlichst mitteilt, wird die Herodesburg mit der Burg Davids zuerst von dem Pilger von Pl.\cextia (570) identifiziert; dieser schreibt: Asce/Hlimuf! in turrem David, uhi psalterium decantavit etc. Daß er mit dem Turme Davids die heutige Zitadelle meint, geht her- vor aus der Aufzählung zwischen der Grabeskirche imd der Ba- silica SanctaSion und aus der frühmittelalterlichen liezeichnung des Westtores als Porta David (vergl. Adamnanüs-Arculfüs, lib.I, cap. 1).
Theodor Zahn deutet die Stelle auf das Davidsgrab, über dem sich jetzt ein muhammedanisches Heiligtum und das Coena- culum befindet N. kirchl. Zeitschr. 1S99, S. 405, Anm. 1). Er hätte nicht nötig gehabt, seine Gleichsetzung der ältesten Zionskirche mit dem Palaste Davids so zu begründen : »In die Zionskirche, die Mutter aller Kirchen, gehört der Stuhl des ersten Bischofs (Ja- kobus) von Jerusalem, und da auf Zion vordem König David gethront hat, so konnte man beides kombinieren«. Apostelgesch. 2, 29 gibt eine einfachere Erklärung: : Davids Grab ist sv r,[xTv« wurde eng örtlich auf das Haus gedeutet, in dem die Jünger versammelt waren. Die wirkliche Lage des Davidsgrabes, die zur Zeit des Herodes noch bekannt war (Josephus a7it. I 1 , 3) geriet nach der Zerstörung Jerusalems in Vergessenheit, und so konnte sich nach Apostelgesch. 2, 29 die noch heute bestehende Tradition bilden.
Zahns Identifizierung des von dem Pilger erwähnten Platzes des Davidspalastes mit dem des Coenaculums stößt freilich auf eine Schwierigkeit: der Pilger fand die Lage des Palastes innerhalb der Mauer, den des Kaiphashauses außerhalb. Ein Blick auf die Karte lehrt jedoch, daß die jetzt als Haus des Kai- phas gezeigte Stätte, das Zionskloster, zwischen Coenaculum und Stadtmauer liegt. Bei der gegenwärtigen Anordnung der Stätten wäre es undenkbar, daß das Haus des Kaiphas außerhalb, das Coenaculum innerhalb der Mauer gelegen haben könnte. Aber daraus ist nicht zu folgern, daß Zahns Aufstellung irrig ist, son- dern daß die Tradition gewandert ist. Das läßt sich deutlich ver- folgen. IliERONYMUS sah 385 die Geißelungssäule in der großen neuen Zionskirche, ebenso der Breviarius de Hierosolyma (436),
Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux (333). 83
und Theodosius (530) berichtet, daß die Säule aus dem Hause des Kaiphas dahin überführt worden sei (P. Geyer, //'meraS. 141). Über der Aviisten Stätte des Kaiphashauses war eine Kirche des Petrus zum Andenken an die Verleugnung erbaut worden, wie die beiden letztgenannten Gewährsmänner bezeugen. Theo- dosius gibt den Abstand dieser Petruskirche von der Zionskirche auf 50 römische Schritte an, also auf etwa 74 m. Auf Wilsons Plan of Jerusalem sind etwa 99 m östlich vom Coenaculum Aus- grabungen einer alten Stadtmauer verzeichnet. Ostlich von dieser Mauer, die wohl die vom Pilger erwähnte ist, kann also sein Haus des Kaiphas nicht zu suchen sein, da es sonst iiitra murum gelegen hätte. Die alte dort ausgegrabene Mauer scheint aber südlich nicht bis zum Wege nach Siloah gereicht, son- dern vor dessen Einmündung in die große Nord-Südstraße sich in rechtem Winkel bis ungefähr zur Südostecke des Coena- culums westlich gewendet zu haben. Demnach wäre das Haus des Kaiphas außerhalb des Siidlaufs dieser Mauer südöstlich vom Coenaculum zu suchen. Vielleicht lag es an der ausge- grabenen gepflasterten Straße, die südöstlich vom Coenaculum in der Richtung von Nordost nach Südwest zu Tale zieht. Zahn selbst (a.a.O. S. 385) bezieht die Maßangabe des Theodosius auf den Abstand zwischen dem Coenaculum und dem heute als Haus des Kaiphas geltenden armenischen Zionskloster (etwa 65 m), will also eine stabile Tradition annehmen. Er hat nicht bedacht, daß die Angaben des Pilgers von Bordeaux damit un- vereinbar sind: ist dessen palaüum des David, wie Zaun mit Recht schließt, identisch mit der Stätte des Coenaculums, die intra murum lag, so kann der Ort des Kaiphashauses, der außer- halb der Mauer lag, nicht nördlich vom Coenaculum gesucht werden. Mommert, der in seinem scharfsinnigen Werke »Das Prätorium des Pilatus« mit erstaunlicher Beherrschung der Tra- dition auch die Geschichte der Geißelungssäulen beleuchtet, gibt S. 157 an, daß nach dem Persereinfall 614 die alte Geiße- lungssäule nicht mehr erwähnt wird; später tauchten drei neue auf, unter diesen die der Armenier, die aber auch erst seit dem Ausgange des 13. Jahrhunderts in dem nun traditionellen Hause des Kaiphas, der Salvatorkapelle , gezeigt wurde. Danach wird man das armenische Zionsbergkloster außer Betracht zu lassen
Ztschr. (1. Pal.-Ver. XXIX. 7
54 li- Eckardt.
haben, wenn man das Kaiphashaus der äheslen Tradition ört- lich bestimmen will.
Es ist auffällig, dal) der Pilger die Zionskirche, >die Mutter aller Kirchen , nicht erwähnt. Epipiiamus berichtet in dem 392 verfalken Buche de metisuris et ponderihus 14, Kaiser Hadrian habe in Jerusalem Stadt und Kirche zerstört gefunden bis auf wenige Wohnhäuser und die Kirche Gottes, welche klein war, wo die Jünger, da sie nach der Himmelfahrt des Heilandes vom Ölberge zurückgekehrt waren, in das Obergemach hinaufstiegen (Apostelgesch. 1, 13). Dort nämlich sei sie erbaut gewesen. Diese sei von der Zerstörung übrig geblieben. Neben Resten einiger Wohnhäuser hätte es auf dem Zion noch sieben einzeln stehende Synagogen gegeben; eine von diesen sei bis zur Zeit des Bischofs Maximonas (nach Zahn derselbe Bischof wie Maximus, der schon 335 Bischof war und 348 oder 340 starb) und des Konstantinus vorhanden gewesen. Aus diesen Angaben geht hervor, daß die Synagoge nicht die Zionskirche war. Theodor Zahn a. a. O. S. 3S7 betont auch, daß zwar die jüdischen Christen ihre Gottes- häuser Synagogen zu nennen pflegten, daß dies aber nicht von der seit Hadrian ganz heidenchristlichen Gemeinde Jerusalems gelte. Es ist einleuchtend, wenn Zahn aus dem Schweigen des Pilgers folgert, daß um das Jahr 333 die kleine uralte Kirche verfallen, vielleicht verschwunden war, oder zu andern Zwecken verwendet wurde. Wahrscheinlich um das Jahr 340 wurde dort die große Zionskirche erbaut, die Cyrill (7a^ec//.XVI,4 erwähnt.
Die letzte Synagoge, die wohl bei dem Bau dieser neuen größeren Zionskirche beseitigt wurde, erwähnt der Pilger als Bestätigung der jesajanischen Weissagung. Er vermengt dabei Jes. 1, &, wo gesagt ist, daß Zion nur übrig sei wie eine Hütte im Weinberge, wie eine Nachthütte im Gurkenfelde, und Mich. 3, 12, wo es heißt, Zion solle zum Feld umgepflügt werden. ()ff"enbar gehörte die Deutung dieser Weissagungen auf die von den sieben Synagogen übrig gebliebene damals zum eisernen Bestände der Jerusalemer Pilgerführer. Eusebius [demonstr. ev. VI, 13, 14 — 17i sieht den Zustand des Zion als Erfüllung von Mich. 3, 12 an, Cyrill [Catech. XVI, 18) als Erfüllung von Jes. 1, 8.
Es fällt auf, daß der Pilger den Zionsberg auch gegen die Stadt zu durch eine Mauer abgeschlossen fand. Denn will er
Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux (333). 85
vom Zion in die Stadt gehen, so sagt er, daß der Weg foris mu- rum de Sion führe. Im PEF 1905 S. 138 ff. hat Wilson über das Dauerlager der 10. Legion in .Jerusalem eine Hypothese aufge- stellt, die zu den obigen Angaben des Pilgers stimmt und sie erklärt. Wilson denkt sich dieses die Stadt beherrschende Lager nach allen Seiten durch starke Wälle befestigt, und zwar im Norden vind Westen unter Benutzung von Teilen der ersten Mauer; im Süden sei die Mauer ungefähr wie jetzt verlaufen, nur daß das Südtor sich weiter östlich als das heutige Zionstor befand und den Eingang zu der die ganze Stadt durchschneiden- den Hauptstraße bildete. Hadrian habe dann die Befestigung erneuert; die Nord- und Südmauer seien zur Zeit Konstantins noch vorhanden gewesen. Diese glückliche Erklärung beseitigt die Frage, warum der Pilger nicht eine südliche Stadtmauer und ein Südtor erwähnt: die südliche Befestigung der Aelia Capito- lina bildete das alte umwallte Lager auf dem Zion. Auf der Mosaikkarte von Madeba erscheint die große Zionskirche von der zur poria Neapolitana führenden Hauptstraße durch eine Mauerstrecke abgeschlossen. Vielleicht darf man in ihr einen Rest vom Nordwall des römischen Lagers erkennen. Es muß eine offene Frage bleiben, ob der Nordwall noch weiter nördlich angelegt war, etwa vom Phasaelsturme nach Osten zu. Aber die südliche Umwallung muß weiter gereicht haben, als Wilson annimmt. Das geht aus den obigen Darlegungen über das Haus des Kaiphas und den Davidspalast hervor. Die oben erwähnten Mauerreste, die man östlich vom Coenaculum ausgrub, könnten dann als Überbleibsel des Lagerwalles betrachtet werden.
Es ist bestritten worden, daß die porta Neapolitana dem heutigen Damaskustore entsprach: es sei vielmehr das Tor der »Neustadt« Jerusalem gemeint. Aber der Name JSeapolis für Jerusalem oder einen Teil desselben ist nicht nachweisbar. Da- gegen hat der Pilger vorher die civitas Neapolis genannt, die samaritanische Hauptstadt, aus der er über Bethar nach Jerusa- lem gereist war. So war ihm das Nordtor als porta Neapolitana bekannt. Auf dem Stadtplane von Madeba geht die große Säulen- straße quer durch die ganze Stadt vom Süden bis zum Nordtore.
Auf dem Wege zur porta Neapolitana sieht der Pilger rechts unten im Tale die Wände des Prätoriums, links Golgatha und die Grabeskirche. Es ist wenig einleuchtend, daß mit den Ruinen
gß R. Eckardt.
des Prätoriums Trümmer der Antonia gemeint seien. Diese lag ja auf einer Felserhebung jenseits des Tales. Die Straße östlich von der Grabeskirche hat ein Niveau von 24 71 Fuß Höhe, das Tal in der Linie zur Antonia 2407, die Antonia 2457. Damals aber mochte das tcäd noch tiefer sein. So konnte der Pilger, nur 14 Fuß höher stehend, als das Niveau der Antonia betrug, und in das dazwischen liegende Tal hinabschauend, nicht den Ein- druck haben, die Antonia liege unten im Tale. Barxabe [le pre- toire de Pilate et la forteresse Antotiia^ 1902, S. 139 ff.) bemüht sich vergebens, das Gewicht dieses Arguments abzuschwächen. Er protestiert dagegen, daß man von dem Pilger mathematische Genauigkeit in seinen Angaben verlange, obgleich er anderer- seits selbst wieder betont, daß die Angaben des Pilgers präzis und seine Ausdrücke genau seien (S. 144). Aber es handelt sich hier gar nicht um genaue Berechnungen der ]^eschreibung, sondern um den unmittelbaren Eindruck der Perspektive. Wenn man freilich mit de Yogüe [les eglises de la Terre Sainte S. 299), auf den sich Barnabe beruft, den Pilger seinen Ausblick vom Sion aus tun läßt, dann liegt allerdings die Antonia unten im Tale, denn der Sion steigt bis über 2540 Fuß an, sodaß sich ein Höhen- unterschied von fast 100 Fuß ergibt. Aber von dort aus lag vor dem Pilger auch die Grabeskirche unten im Tale, mit ihrem höchsten Terrainpunkte (2492) 50 F\iß tiefer als sein Standort. Der Pilger sagt jedoch gar nicht, daß er Golgatha und das Prä- torium vom Sion aus betrachtete, sondern er schreibt: Itide uteas foris murum de Sion^ euntihus ad portalS^ eapolxtana ad partem dextram deorum in valle sunt parietes ... a sinistra aiitem parte est monticulus Golgatha. Der Pilger geht also auf der großen Hadrianischen Süd-Nordstraße durch die Stadt und schaut auf diesem Gange nach rechts und links. Von dieser Straße aus erscheint die Antonia jenseits des Tales auf der Höhe liegend. ToBLER findet die Lasre des Prätoriums nahe dem sük el-kattcuün
O ....
(2400) wahrscheinlich (Topographie von Jerusalem S. 223; ebenda Anm. 4 die Tradition über die Basilika St. Sophia). Zanecchia (/a Palestine d' aujou7'd'' Jmi ^ tom. I) sucht das Prätorium vind die später über den Ruinen erbaute Sapientiakirche nicht weit da- von bei der mehkeme (2419). Zaccaria [Nuovo Bolletino di ar- fJieolo(jia cristiana , Rotna 1900, Not. VH S. 185 f.) vermutet es am Platze der Kirche von ISotre-Dame du Spasfne, gegenüber
Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux (333). 87
dem österreichischen Hospiz beim Kloster der unierten Arme- nier; er glaubt die Sapientiakirche auf dem Plane von Madeba dort aufzeigen zu können. Zaccaria hat einen starken Bundes- genossen in MoMMERT erhalten, der in seinem gehaltreichen Buche »Das Prätorium des Pilatus'< die Frage gründlich und vor- urteilsfrei behandelt hat. Es mag auch hier dahingestellt bleiben, ob das Prätorium des Bordeauxpilgers -svirklich dem neutesta- mentlichen entsprach. Aber daß um das Jahr 333 die Trümmer des Prätoriums da gezeigt wurden, avo später das Sultansbad sich befand und jetzt die unierten Armenier ein Grundstück haben, scheint mir durch Zaccaria und Mommert sicher erwiesen.
Die Ortslage der mclikemc^ die sich auch »unten im Tale« befindet, kommt nicht in Betracht. Denn wenn der Pilger seinen Standort bei der Grabeskirche einnahm, so lag der Platz der mehkeme weit hinter ihm, während er den Ausblick auf die Stelle der späteren Spasmakirche vor sich hatte.
Weiter ist das zwei Füße zeigende Mosaik unter der Spasma- kirche zu berücksichtigen (Abbildung und Plan von Macalister, PEF Quart. Stat. 1902 S. 122— 124 und bei Mommert, Prätorium des Pilatus, Tafel IV). Es ist nicht zweifelhaft, daß dieses Mo- saik älter ist als die alte Unterkirche, also aus der Zeit vor 614 zu datieren ist; nur byzantinische Münzen sind dort im Schutte gefunden worden. Die katholische Legende hat das Mosaik als Abbildung der Füsse Marias bezeichnet; Maria soll an jener Stelle gestanden haben, als sie Jesu auf seinem Leidenswege begegnete. Mommert weist aber nach, daß erst der Dominikaner RiccoLDus DE Monte Crucis (1288 oder 1294) eine solche Stelle kennt, an der Maria in Ohnmacht gefallen sei. Dagegen berich- tet schon Antoninus von Placentia(570) von einem Steine in der Sophienkirche, in den die Füße Jesu bei der Gerichtsverhand- lung sich eingeprägt haben sollen. Aus seinen Angaben (P. Geyer, Itinera S. 174 f.) geht klar hervor, daß die Sophien- oder Sa- pientiakirche sich an der Stelle der späteren Spasmakirche be- fand. Antoninus kommt von Sion zur Marienkirche, von dieser zum Prätorium. »Dort befindet sich jetzt die Kirche der hei- ligen Weisheit vor den Ruinen des salomonischen Tempels. Unter der Straße läuft das Wasser die salomonische Tempelhalle hinab zur Siloahquelle . . . Von da kamen wir zu dem Bogen, wo ein altes Tor der Stadt gewesen ist. An demselben Orte sind
S3 R. Eckardt.
faulise Wasser, wo Jeremias hinabgelassen wurde.« Man er- kennt ohne Schwierigkeit die bezeichneten Orte: an der west- lichen Tempelmaiier ging eine Leitung nach Siloah hinab, der lioo-en ist der Ecce-honio-Hogen, der Behälter der fauligen Was- ser der Doppelteich unter dem Kloster der Zionsschwestern. In der durch diese Angaben bestimmten Sophienkirche nun stand ein viereckiger Stein, der mitten im Frätorium gewesen sein sollte; auf diesen sei der Herr gehoben worden, als er von Pila- tus verhört wurde, und seine Fußspuren seien darin geblieben Von diesem Steine gingen Wunderheilungen aus.'
Es liegt nahe, diesen Bericht mit dem Mosaik in Verbindung zu bringen: älter als jener Stein, bezeichnete das Mosaikbild .lesu Standort vor Pilatus. Der mächtig wuchernden Wundersucht der nachkonstantinischeu Zeit Rechnung tragend, setzte man darüber den mit Fußeindrücken versehenen wunderkräftigen Stein, den AxTOXixus sah. Nach der Zerstörung der Kirche durch die Perser soll der Stein auf den Sion gebracht worden sein. In der Aksamoschee -wird bekanntlich jetzt ein Stein mit einem Fuß- abdrucke Jesu, im Felsendome ein anderer mit einem Fußab- drucke Muhammeds, früher aber Jesu gezeigt. Vielleicht sind das die beiden Teile des Steins, der durch die Templer nach dem Tempelplatze verschleppt sein könnte.
Die Tradition, daß das Prätorium an jener Stelle im wäd gestanden habe, scheint sich bis fast zur Kreuzfahrerzeit erhalten zu haben. Die Angaben eines Anonymus aus dem Jahre 1095 bilden geradezu eine Parallele zu denen des Pilgers von Bor- deaux: Ad portam Keapolitanam est liraetorium Pilati, tibi Christus a principihus sacerdotum judicatus fuit. Inde non pro- cul est Golgatha (Theodorici libellus, cui accedunt aliqu. brev. descr. T. S., ed. T. Tobler 1865 S. 113 f.). Liegt hier auch eine Verwechslung der Vorgänge im Hause des Kaiphas und im Prä- torium des Pilatus vor, so weisen doch die Ortsbestimmungen für das Prätorium wiederum auf den Platz der späteren Spasma- kirche. Es ist unbegreiflich, wie Barnabe diese Stelle anführen kann, um zu beweisen, daß das Prätorium auf der Antonia zu suchen sei. Von der Antonia kann man wieder sagen, daß sie nahe ad portam Neapolitanam gelegen sei , noch daß Golgatha nicht weit von ihr sei; vom Platze der Spasmakirche gilt beides.
Für die Geschichte der Grabeskirche wichtig sind folgende
Das Jcrusiilcm des Pilgers von Bordeaux {'.i'6'i). ^9
Angaben: zur Linken seines Weges sieht der Pilger den Hügel [monticulus) Golgatha. Von dort [inde] etwa einen Steinwurf weit ist die Höhle [cripta)^ wo Christi Leib begraben war und am drit- ten Tage auferstand; ebendaselbst ist kürzlich auf Konstantins Befehl eine Basilika gebaut worden, das heißt eine Kirche, von wunderbarer Schönheit, mit Zisternen an der Seite und einem Bade an der Rückseite, wo die Kinder getauft wurden. Was um- schloß nach diesen Angaben die damalige Grabeskirche?
Erstens ist festzuhalten , daß der l'ilger von einem Hügel Golgatha spricht. Mommekt (Golgatha und das hl. Grab S. 57) meint, daß es jedem Unbefangenen auf den ersten ]^lick ein- leuchte, daß hier von keinem wirklichen Hügel die Rede sein könne, schon weil der Ort innerhalb einer Kirche sich befinde. Aber das ist eine petitio principii. Es ist eben fraglich , ob das >Felsenmonument Golgathas« in der konstantinischen Grabes- kirche lag. Mit besserem Rechte wird man sagen , daß bei dem Worte monticulus ieder Unbefangene nicht an einen nur 41/2 his 5 Kubikmeter haltenden Felsen, sondern an einen wirklichen Hügel denkt.
Zweitens ist zu betonen, daß der Wortlaut des Itinerariums nicht auf eine Golgatha umfassende Basilika führt. Mommekt (die hl, Grabeskirche S. 25) macht darauf aufmerksam, daß das Messen nach Steinwurfsweite andeute, Golgatha und das hl. Grab seien nicht von besonderen und getrennten Gebäuden um- schlossen, sondern unter gemeinsamem Dache zu denken; an- dernfalls hätte das Maß des Steinwurfs als Entfernung von zwei Gebäuden bezeichnet werden müssen. Aber wenn nun weder Golgatha noch das hl. Grab von der Basilika überdeckt waren? Mochte dann das eine oder das andere offen liegen oder in ein kleines Gebäude eingeschlossen sein, jedenfalls konnte der Ab- stand recht wohl nach dem sehr ungenauen Maße eines Stein- wurfs angegeben werden. De Vogüe {Lcs eglises de la Terre Sainte S. 131) und mit ihm Mommert meinen, der Ausdruck ibi- dem^ vom Standorte der Basilika gebraucht, beziehe sich ebenso auf den Golgatha-Hügel als auf die Grabesgrotte. Will man sich aber genau an den Wortlaut halten, so ist er nur auf die cripta des Grabes zu beziehen: inde quasi ad lapidem missuni est cripta ibidem .. . basilica facta est.
Drittens ergeben diese Worte durchaus nicht, daß die
90 Ti- Eckardt.
Basilika sich über der Grabeshöhle befand. Man erwartete dann einen ganz andern Ausdruck: supra. Das Wort ibidem zeigt, daß die Basilika auf demselben Platze wie die Höhle war.
Der rilger sagt viertens, daß an der Seite der Basilika Wasserbehälter waren und ein Taufbrunnen dahinter [a tergo). Mit Kecht weist Mommert (die hl. Grabeskirche S. 21(3) Sepps Versuch ab, die Behälter, die der Pilger in der Mehrzahl nennt, mit der Ilelenazisterne zu identifizieren. Dagegen tut er dem Texte selbst Gewalt an, werm er die Taufkapelle hinter« der Basilika auf seinem Plane an die Südseite verlegt; so hätte sie vom Standorte des Pilgers aus nicht hinter, sondern neben der Basilika gelegen. Will man nicht mit MA^■ssuRov einen Irrtum des Pilgers annehmen, wozu kein Grund vorliegt, so muß man wie ToBLER, Bock, Germer-Durand die Anordnung von Ost nach West so feststellen: Basilika, Atrium oder freier Platz mit Taufstelle, Anastasiskapelle.
Wenn man diese Anordnung, die allein dem Wortlaute des Itinerariums entspricht, festhält und die erstgenannten drei Punkte nach ihr betrachtet, so ergeben sich die Konsequenzen, die auf dem Plane Germer-Durands gezogen sind : östlich die Basilika, dann hinter ihr ein freier Platz mit dem traditionellen Golgatha und mit der Taufstelle, endlich ganz im Westen die Anastasiskapelle. Auch das Bild der Grabeskirche auf dem Mo- saik von Madeba zeigt diese Anordnung.
Nach diesen Angaben über die Stadt macht der Pilger noch einige Mitteilungen über deren nächste Umgebung. Er geht zum Osttore hinaus, um den Olberg zu ersteigen, und überschreitet dabei das »Tal Josaphat ;. Zum ersten Male wird hier das Ki- drontal als das Tal Josaphat bezeichnet. Nach dem Pilger von Bordeaux wird der Name allgemein gebraucht.
Auf seinem Wege zum Ölberge sieht der Pilger links, »wo Weinberge sind«, den Felsen, wo Judas Jesum verriet. Man erkennt sofort die Stelle, an der sich jetzt das Mariengrab und die Stätte der Agonie befindet. Rechts, wo jetzt das lateinische Gethsemane liegt, führt der Pilger die Palme an, von der die Kinder beim Einzüge Jesu Zweige abhieben. Über die Gebets- stätte von Gethsemane sagt er nichts; nach Angabe der Silvia (3S5) lag sie weiter oben. Im Tale erwähnt der Pilger noch zwei Grabmäler »von wunderbarer Schönheit«, das des Propheten
Das Jerusalem des Pilgers von Bordeaux (333). 9 1
Jesaias und das des Königs Iliskia: wohl das jetzige Zacharias- und Absalomsgrab.
Auf dem Olberge wird die Konstantins basilika genannt, auf dem Platze errichtet, wo der Herr vor der Passion die Jünger lehrte. Silvia (385) nennt die Kirche fMleonai-. Aus ihren An- gaben geht hervor, daß die Kirche über der Höhle errichtet war, in der die Belehrung der Jünger stattfand. Offenbar meinte der Pilger eine bestimmte Rede, nämlich Matth. 24, 3 ff. Silvia teilt mit, daß der liischof am Mittwoch der Karwoche in dieser Höhle eine mit Matth. 24, 4 beginnende Lektion las. Doch kam auch schon in jener Zeit die Meinung auf, daß es Gewohn- heit Jesu war, dort die Jünger zu lehren (Silvia S. S4, 31: in qua spehmca solehat dominus docere discipulos).
Auffällig ist es , daß der Pilger von der Stätte der Himmel- fahrt schweigt. Zahn (N. kirchl. Ztschr. 1899 S. 419 f. Anm. 1) sucht dieses Schweigen dadurch zu erklären, daß er auf Eusebius verweist, nach dessen Angabe [Vita Const. HI, 43, 3) die Eleona- kirche zum Gedächtnis der Himmelfahrt erbaut wurde. Es bleibt aber fraglich, ob der Pilger von dieser Bedeutung der Kirche hörte, ja man müßte erwarten, daß, wenn er von ihr ge- hört hätte, er sie erwähnt haben würde. Eusebius selbst kennt aber schon 345 eine andere Tradition, nach welcher die Himmel- fahrt vom Gipfel des Ölbergs aus geschah [Demonstr. Ecang. VI, 18, 288). Die Überlieferung schwankte also. Zur Zeit der Silvia aber ist sie fixiert. Auf dem Gipfel des Ölbergs zeigte man da- mals eine Stelle '>Imhomon« als die der Himmelfahrt, und noch später wurde dort eine Kirche errichtet. Vielleicht meint der Pilger dieselbe Stelle, wenn er berichtet: »Nicht weit von da (von der Kasilika Konstantins) ist ein Hügel, wohin der Herr ging, um zu beten, und es erschien ihm dort Moses und Elias, als er Petrus und Johannes mit sich führte«. Das Schweigen über die Himmelfahrt läßt sich kaum anders erklären, als daß der Pilger die Verklärung mit ihr verwechselte.
Es erübrigt noch, nach den vorstehenden Untersuchungen ein Gesamtbild vom Jerusalem des Jahres 333 zu entwerfen,
1. Unterschieden werden Jerusalem, das aus der Stadt und dem Tempelbezirke besteht, und der Sion, der Südwesthügel.
2. Der südliche Teil des Sion mit dem Platze des Kaiphas- hauses liegt außerhalb der Mauern. Der nördliche Teil mit der
92 D- Dalmau.
Davidsburff ist von Mauern umgeben und hat der römischen Be- Satzung als Lager gedient. Die Nordmauer dieser Befestigung bildet zugleich die Siidmauer der Civilstadt.
3. Die Mauern der Civilstadt entsprechen im übrigen unge- fähr den jetzigen. Erwähnt werden zwei Tore, die porta Kea- puUtaua und das Osttor. Doch müssen wenigstens noch zwei andere vorhanden gewesen sein, da der Pilger »Jerusalem« im Südwesten verläßt, um nach »Sion« hinaufzugehen, und den ummauerten Teil des »Sion« entweder im Süden oder bei der Davids])urg im Westen betritt.
4. Der Siloahteich liegt außerhalb der Stadt. Ist die Be- zeichnung iuxta murum echt, so ist keinesfalls die damalige Stadt- mauer damit gemeint.
5. Die aufgeführten Heiligtümer stehen in JJeziehung zur alt- oder neutestamentlichen Geschichte. Marienheiligtümer fand der Pilger im Jerusalem des Jahres 333 nicht.
Studieu aus dem Deutschen evaug. arcliäolog. lustitut
zu Jerusalem.
Neugefuudeue Gewichte. Von Prof. D. Dalmau in Jerusalem.
Die Ausgrabungen Macalisters in ahu scJaiscJie (Gezer) haben unsere Kenntnis der Gewichte des alten Palästina wesentlich erweitert. Er fand 1903 eine Serie von torpedoförmigen Basalt- gewichten ohne Inschriften, von denen er PEF 1903 S. 195 die Skala aufstellte:
5 Sekel = 92,65 g, ^y^ Sekel = 13,43 g,
21/2 » = 44,92 g, oder 13,05 g,
1 * = 19,16 g, V4 - = 5,25 g.
Ein Gewicht von 3, SO g wird von Macalister nicht in die Skala eingeordnet. Es würde in ihr \ r, Sekel repräsentieren. Siehe aber auch ^3 Sekel der zweiten Reihe (unten).
Neugefundenc Gewichte. 93
Der Schwere nach werden hierher gehören müssen die drei mit ?;i3 beschriebenen kuppel förmigen Gewichte, welche linss in teil zakarlja gefunden und Clehmont Ganneau in liecueil d Archeologie Orientale IV S. 24 ff. besprochen hat. Sie wiegen nach Ganneau 10,21, 9,5 und 9 g, nach Uliss-Macalister, Ex- eu üations in Palestine ^. 145: 10,21, 10, 9,45 g, entsprechen also der Hälfte von 1 Sekel.
Zu einer anderen Keihe von Gewichten hat Guthe 1881 zwei erste Beispiele in Kuppelform von 24,5 und 46 g gefunden, siehe ZDPV 1882 S. 373f. Weitere Funde von Bliss und Macalister haben dem letzteren die Möglichkeit gegeben, auch hier eine Skala aufzusetzen und zugleich die Guthe dunkel gebliebenen Inschriften der Gewichte zu deuten. Folgende Reihe entsteht hier:
1/3 Sekel UU = 3,84 g,
1 . s| = 11,3g,
2 » 811 = 24,5 g,
3 y> = 34,78 g,
4 . 8L =44,6, 45,5, 46g,
8 » ft_L = 90; 91,31; 91,43; 91,47; 91,89; 93g,
16 » = 180,11 g.
Macalister, der PEF 1904 S. 209 fF., 358 ff., 1905 S. 192 f. diese Gewichte bespricht, weist für das Zeichen ^ die von Flin- ders Petrie vorgeschlagene und von ihm dann wieder aufgege- bene Erklärung durch oijyxta (abgekürzt 8) ab, ohne eine andere Deutung zu versuchen. Jedenfalls ist es ein Zeichen für bpTT und nur die Entstehung desselben ist dunkel, liemerkenswert sind die Zahlzeichen für 1/3, 4, S, welche Lidzbarski im »Handbuch der nordsemitischen Epigraphik« noch nicht in der Zahlentafel aufführt.
Hierher gehört auch ein von Torrey [Journal of Americati Oriental Society 1903 S. 205ff., s. PEF 1904 S. 179) besprochenes Gewicht von 5,8698 g mit der Inschrift ypD {bcka). Das ist der Gen. 24,22, Ex. 38,26 unter dieser Bezeichnung erwähnte Halbsekel.
Dagegen stimmt nicht mit dieser Skala ein ebenfalls von Macalister gefundenes Gewicht von 6,11 g, dessen Inschrift er als ym »Viertel« deutet. Er möchte es als die Hälfte des ZIZ- Gewichtes der ersten Skala ansehen. Indes die Inschrift, die
94 D- Dalman. Xeugefundene Gewichte.
nicht vollständig erhalten zu sein scheint, kann so nicht gedeutet werden. Auch das Gewicht will sich in jene Skala nicht fügen. Es hat deshalb schon Armstrong (PEF 1904 S. 211 Note Ij vor- geschlagen, rp2 zu lesen, was gewiß das Kichtige trifft. Das auffallend schwere Gewicht wird überboten und die Lesung
Armstrongs bestätigt durch ein a b Gewicht, das mir ein Bauer
auf dem ras saläh bei schdfät gab, als dort auf seinem Felde gefunden (s. Abb. 4). Es ist kuppelfürmig mit 1,5 cm Durch- messer an der Grundfläche und Abb. 4. Eiu Halbsekel aus der Gegend 1 , l cm Höhe. Das Material ist TonscÄ «./«/. a; Ansicht von oben, gin gelblicher Stein mit bräun- b, Durchschnitt ;m der Größe des i- , . ,
Originals). hchen Adern. Aut der Wöl-
bung befindet sich eine wohl- erhaltene Inschrift, die nur als >'pD gelesen werden kann, ob- wohl das p durch Verlängerung seines Bogenstriches auf der linken Seite eine ungewöhnliche Gestalt erhalten hat. Das Ge- wicht beträgt 6,65 g. Der Ganzsekel wäre also hier zu 13,30 g vorauszusetzen.
Serie 1 entspricht dem babylonischen Silbersekel nach schwe- rem Gewicht (21,8 g), Serie 2 demselben Sekel nach leichtem Gewicht {10,9 g). Dagegen scheinen die letzten beiden Halb- sekelgewichte nach dem phönizischen Silbersekel von 14,5 g (Lehmann, Das altbabylonische Maß- und Gewichtssystem, in Acten du VIII. Congr. Int. des Orient.^ Sect. I] normiert zu sein, wenn sie auch auffallend klein und also nicht vollwichtig: se- wesen sind. Da ein Halbsekel die vom Gesetz geforderte jähr- liche Abgabe der Israeliten an das Heiligtum gewesen ist (Ex. 30, 13 ff,), erhellt, welche Bedeutung die richtige Abwägung der entsprechenden Quantität Silber hatte. Die geprägten Halbsekel- stücke in Silber wiegen etwa 7,1 g.
Berichtigung zu ZDPV 1905 S. 169.
In der Unterschrift zur Abb. 2 in ZDPV 1905 (S. 169) muß es heißen: rechts im Hintergrunde der Anfang des u-ädi abu dschad, im Vordergrunde der Eingang zum u-ädi hahihe. D.\LMAX.
Bücherbesprechungen.
Mommert, Carl, Die heiluje Graheskirche zu Jerusalem m ihrem tirsprimglichen Zustande. Mit 22 Ahhilthmgen im Texte und 3 Kartenheilagen. Leipzig, E. Ilaherland. 1898. VIIIu.256S. 50. 5,Ö0 M.
Auf diese wertvolle Sclirift ist schon in den MuN 1899 S. 31 kurz hinge- wiesen worden. AVenn sie hier einer eingehenderen Besprecliung miterzogen wird, so geschieht dies niclit nur angesichts des beachtenswerten Materials, das in ihr aufgespeichert ist, sondern vor allem, weil der Verf. in den wich- tigsten Fragen eigene, wesentlich neue AYege geht, und damit uns herausfor- dert, diese auf ihre Richtigkeit zu prüfen.
M. ist viermal in Jerusalem gewesen (1879, 88, 9G iind 97) und hat an Ort und Stelle die genauesten Untersuchungen und Messungen angestellt. Er ist daher imstande gewesen, den gnindleglichcn Plan Schicks aus d. J. 1885 (ZDPV l885,Taf. VII) an einzehicn Stellen zu berichtigen. Der unserem Buche beigefügte verbesserte SciilCKSclie Plan darf daher als der beste, zur Zeit allein zuverlässige angesehen werden. M. hat vor allem die ursprünglichen Terrainverhältnisse richtiger als Scil. zur Darstellung gebracht (s. den Längen- durchschuitt des Terrains der Grabeskirche